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Kolumne

Wie der Pass in die Welt kam

Früher hiess er Geleitbrief und war Reichen vorbehalten. Der Pass, wie wir ihn heute kennen, ist ein Produkt aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. In Zukunft werden uns wohl Konzerne mit unserer «offiziellen Identität» ausstatten.
Susan Boos
Susan Boos WOZ Redaktionsleiterin

Susan Boos WOZ Redaktionsleiterin

Grenzen sind die Narben vergangener Kriege. Und Pässe verhindern, dass die alten Wunden verschwinden. Ohne Pass ist man niemand. Nur Superreiche können frei wählen, welchen Pass sie gerne hätten. Die andern müssen nehmen, was sie per Geburt angeheftet bekommen, oder sich mühsam eines neuen Passes für würdig erweisen. Pässe, wie wir sie heute kennen, existieren allerdings noch nicht so lang. Ein Vorläufer des Passes war das Geleit. Der Fürst, der ein Territorium beherrschte, gewährte einem Reisenden dieses Geleit. Ursprünglich in Form einer Schutzgarde, später war es oft nur noch ein Brief. Der Geleitbrief war auf eine bestimmte Person ausgestellt und zeitlich befristet. Nur Reiche oder mindestens Einflussreiche bekamen einen solchen Schutzpass.

Das gemeine Volk reiste schutzlos, aber ungehindert. Zwar gab es immer mal wieder Versuche, die Menschen mit Ausweispapieren zu kontrollieren, weil die Könige und Fürsten ihren aufmüpfigen Untertanen nicht trauten. Doch die Welt war aufgesplittert in viele grosse und kleine Reiche. Die Erlasse kamen und gingen. Eine ordentliche Bürokratie existierte nicht, die Menschen besassen keine «offizielle Identität».

Die Schweiz gab ihre ersten Pässe 1915 aus

Bis der Erste Weltkrieg ausbrach. Kurz nach Ausbruch des Krieges wurden europaweit Passkontrollen eingeführt. Die Schweiz gab ihre ersten Pässe 1915 aus. Die Staaten wollten in den Kriegsjahren wissen, welche Ausländer in ihr Land kamen. Wollten sie sich niederlassen, wurden sie von den Behörden registriert. Mit den Pässen verhinderten die Staaten aber auch, dass ihre Soldaten sich dem Krieg entzogen. In Deutschland bekam zum Beispiel ein Soldat nur mit expliziter Zustimmung seines Kommandanten einen Pass. Damals glaubte man, das flächendeckende, aufwendige Pass- system würde nach Kriegsende wieder abgeschafft.

Doch der Pass blieb. Grenzen hatten sich verschoben, Länder waren verschwunden. Tausende hatten plötzlich keine «offizielle Identität» mehr. Weil es den Staat, dem sie einmal angehört hatten, nicht mehr gab. Oder, weil sie geflohen waren, wie die vielen Russen, die nicht in die Sowjetunion zurück wollten, wo Hunger und Stalins Repression herrschten. Josef Stalin fand, wer geflohen war, sollte nicht mehr dazugehören und entzog seinen Landsleuten die Staatszugehörigkeit. Sie gerieten in einen Niemandsstatus. Ohne Papiere, ohne nichts. Kein Land wollte sie haben.

Nennen wir es Schicksal oder Zufall, wo wir zur Welt kommen und dann mit einem blauen, grünen oder rot-weiss-bekreuzten Büchlein durchs Leben gehen. Die «offizielle Identität» steht nicht in der DNA und ist nicht gottgegeben. Sie ist einfach – und kann sich doch jederzeit ändern. Der nächste Schub der Organisation der «offiziellen Identität» steht an: Sie wird digital. Der Bund hat eine klare Vorstellung, wie er das angehen möchte. Nämlich gar nicht. Der digitale Pass soll von Privaten und nicht mehr vom Bund bereitgestellt werden. Warum? Weil die das mit der Digitalisierung besser können – sagt der Bundesrat. Man wird dann also nicht mehr ins Passbüro gehen, sondern die Grossbank oder die Versicherung kontaktieren, um sich einen digitalen Pass zu beschaffen. Dabei mischen UBS, Credit Suisse, einige Kantonalbanken, Versicherungen wie Axa, Winterthur oder Helvetia mit, aber auch Staatsbetriebe wie SBB und Swisscom. Sie werden uns bald mit einer sogenannten E-ID ausrüsten. E-ID klingt harmloser, profaner als digitaler Pass. Damit soll man aber künftig alles digital erledigen können: Einkaufen, Steuerrechnung einreichen, Bauanträge stellen oder auch online abstimmen und wählen.

Das ist dann Kapitalismus 4.0 in Reinkultur. Konzerne statten uns mit unserer «offiziellen Identität» aus. Derweil der Staat daran ist, sich aus Angst vor der Technik zu verabschieden. Die Konzerne sind indes gerne bereit, unsere offizielle, digitale Identität zu organisieren. Aber wollen wir das wirklich?

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