Kommentar

Wahlkampf in der Ostschweiz: Die Goldene Palme für die bisher beste Idee geht an
Remo Daguati

Nur wenige Kandidaten wagen es, konkrete Ideen zu formulieren. Wir adeln heute jene, die nicht nur warme Luft produzieren. 

Stefan Schmid
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Stefan Schmid, Chefredaktor.

Stefan Schmid, Chefredaktor.

Bild: Hanspeter Schiess

Wir sind im Wahlkampf. Und niemand merkt’s. Selbst jene 35 Prozent der Bevölkerung, die sich potenziell für kantonale Politik interessieren, müssen aufpassen, den Wahltermin nicht zu verschlafen. Am besten stellt man jetzt schon den Küchenwecker.

Verantwortlich für die routinierte Langeweile sind – man muss es leider sagen – die Kandidatinnen und Kandidaten. 988 an der Zahl sind es im Thurgau, gar über 1000 im Nachbarkanton.

Doch die meisten von ihnen wissen nicht, wie sie die Zukunft gestalten wollen.

Oder sie sagen es uns nicht. Sie lächeln von Plakatwänden und verteilen am Bahnhof Gipfeli. Das war’s dann.

Im Thurgau sorgt wenigstens die grüne Regierungsratskandidatin Karin Bétrisey für einen Hauch Stimmung. Sie geht in ihrem Wohnort Kesswil unzimperlich gegen die Behörden vor und traut sich als einzige, namentlich SVP-Topfavorit Urs Martin etwas an den Karren zu fahren.

Im St. Galler Wahlkampf war bisher Beat Tinner Anwärter auf die Goldene Palme für die beste Idee. Der FDP-Regierungsratskandidat forderte tiefere Steuern für Reiche, damit sich der Kanton aus der Abhängigkeit des nationalen Finanzausgleichs befreien könne. Für den unkonventionellen Einwurf erntete der Werdenberger viele schräge Blicke und Mitleid jener, die glauben, man gewinne eine Wahl nur mit dem Ventilieren von warmer Luft.

In dieser Woche freilich wurde Tinner unverhofft von Parteikollege und Kantonsratskandidat Remo Daguati von Platz eins dieser inoffiziellen Bestenliste verdrängt. Der St. Galler Stadtparlamentarier fordert einen «Marshallplan» für die Hauptstadt.

Kanton und Gemeinden müssen gemeinsam für einen leistungsstarken und modernen öffentlichen Verkehr (namentlich eine S-Bahn) einstehen, sonst drohe das Zentrum der Ostschweiz den Anschluss zu verlieren.

Daguatis Postulat ist gut begründet (ohne Top-ÖV keine hochwertigen Arbeitsplätze). Es verdient eine Diskussion an Podien und Veranstaltungen.

Noch ist nicht aller Tage Abend. Noch glauben wir daran, dass auch andere Kandidaten konkrete Gedanken zur Zukunft der Ostschweiz haben. Ihnen soll die Bühne gehören.