Kommentar

Virologen sind keine Politiker


Bei den Wissenschaftern ist der Lack ab, den wir ihnen in der Krise selber aufgesprüht haben. Die Wahrheitsfindung braucht nun mal Zeit. Ein Kommentar.

Sabine Kuster
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Sabine Kuster.

Sabine Kuster.

Es geht um fehlende Bildung, familiäre Pro­bleme und die Gesundheit – in der Diskussion darüber, ob Schulen in der Corona-Epidemie offen sein sollen oder nicht. Es geht um ein Abwägen der Risiken. Sollte man meinen.

Inzwischen erzählt der Streit um die Frage, wie ansteckend Kinder sind, eine ganz andere Geschichte. Jetzt geht es darum, ob Wissenschafter immer recht haben (Spoiler: haben sie nicht). Blenden wir zurück: Ende April hatte der Deutsche Virologe Christian Drosten die Idee, die Virenlast erkrankter Covid-19-Patienten in den erhobenen Daten der Charité in Berlin zu analysieren.

Sein Mathematiker verwendete eine grobe statistische Methode, indem er Alterskategorien erstellte. So betrachtet, fand Drosten keine signifikanten Unterschiede nach Alter der Erkrankten und riet von einer uneingeschränkten Öffnung der Schulen ab.

Darauf kritisierten vor allem Statistiker die Methode: Ohne Alterskategorien sehe man sehr wohl eine signifikant geringere Virenlast von jung bis alt.

Drosten erwiderte am Dienstag in seinem 43. Podcast, er sei sich der groben Einteilung bewusst, aber auch eine andere statistische Methode hätte keine Konsequenzen für die medizinische Aussage, die da sei: «Es gibt auch bei Kindern sehr hohe Viruslasten.» Sie hätten nun einen der Statistiker, der sie fundiert kritisierte hatte, an Bord geholt und würden die Studie überarbeiten.

Doch, so sein Tweet: «Die Aussage ist robust.» Zu den verschiedenen Studien, die zum Schluss kamen, Kinder seien weniger infektiös, sagt Drosten, die Kinder hätten gar niemanden anstecken können, weil sie vielerorts im Lockdown zuhause gewesen seien und weil die Krankheit in der mittleren Generation gestartet sei.

«Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch», fällte die deutsche «Bild»-Zeitung dennoch ihr Urteil. Nach dem Lesen des Artikels war nicht klar, wie ansteckend Kinder sind, klar war nur: Der gefeierte Virologe sollte vom Sockel gestossen werden.

Noch vor ein paar Wochen schätzten die Deutschen beim Hören von Drostens zahlreichen Podcasts das beruhigende Gefühl, dass der Epidemiologe sie wie ein Kapitän durch den Corona-Sturm leite. Man feierte in der Unsicherheit die Wissenschaft.

Nun sieht man, dass es verschiedene Meinungen aufgrund derselben Datenlage geben kann. Das ist vor allem deshalb so, weil wir die Wissenschaft in der Coronakrise in Echtzeit erleben: Wir lesen Studienergebnisse, bevor sie überprüft, diskutiert und überarbeitet sind.

Diese schnellen Studien, die Pre-Prints, werden nun kritisiert. Aber in einer Krise sind sie die vorerst einzige wissenschaftliche Entscheidungsgrundlage. Verheerend sind nicht Pre-Prints, verheerend wäre, wenn Politiker nur aufgrund dieser entscheiden würden. Dies findet Drosten übrigens selber.

Auf Twitter hat er nicht nur seine Studie geteilt, sondern auch den Aufruf von vier Gesundheitsverbänden und Kinderärzten, welche letzte Woche die sofortige Öffnung der deutschen Schulen auch aus sozialen Gründen forderten. Der Virologe findet:

«Politik braucht die Vielstimmigkeit der Wissenschaft»

Es sei ausserdem nicht vermittelbar, warum Restaurants öffnen dürften, aber Schulen nicht – wobei beide Entscheide auf der Basis unsicherer Datenlage stünden.

Eine Kritik muss er sich aber gefallen lassen: Wenn schon die Politik aufgrund vieler Faktoren entscheiden soll, dann hätte er sich mit seiner Empfehlungen zu Schulöffnungen besser zurückgehalten. Denn die Virenlast ist auch nur ein Faktor.

Mit dem Coronavirus infizierte Kinder haben selten Symptome, husten kaum und verbreiten schon nur deshalb das Virus weniger. Der Schweizer Kapitän durch die Corona-Epidemie, Daniel Koch, hat nicht aufgrund nur einer Studie entschieden und kam zum Schluss, Kinder seien nicht nur weniger infektiös, sie steckten sich auch seltener an.

Er empfahl den Grosseltern die Enkel mal wieder zu umarmen, aber sie nicht zu hüten – eine Risikoabwägung. Heute ist es wieder anders.