Gastkommentar

Ursula von der Leyen: Der Wandel muss sofort beginnen

Gastkommentar von Ursula von der Leyen zum «Green Deal», der Europa klimaneutral machen soll.

Ursula von der Leyen
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Ursula von der Leyen ist Präsidentin der Europäischen Kommission.

Ursula von der Leyen ist Präsidentin der Europäischen Kommission.

Keystone

Wollen wir auch in Zukunft ein gutes und sicheres Leben auf diesem Planeten führen? Die Menschheit steht vor einer existenziellen Bedrohung – und die ganze Welt fängt an, das zu verstehen. In Mitteleuropa bedrohen Trockenheit, Brände und der Borkenkäfer unsere Wälder, von Afrika bis Asien breiten sich die Wüsten aus.

Der steigende Meeresspiegel bedroht europäische Städte und pazifische Inseln. Solche Phänomene hat die Menschheit zwar schon früher erlebt, aber noch nie in dieser Geschwindigkeit.

Die Wissenschaft sagt uns, dass wir diese Spirale noch aufhalten können, doch dafür müssen wir jetzt handeln. Die neue Europäische Kommission will keine weitere Zeit verlieren. Nur knapp zwei Wochen nach Beginn unserer Amtszeit haben wir letzten Mittwoch unseren Fahrplan für einen europäischen «Grünen Deal» vorgestellt.

Unser Ziel ist es, bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu werden, der die Erderwärmung verlangsamt und ihre Folgen lindert. Diese Aufgabe betrifft unsere Generation ebenso wie die nächste, doch der Wandel muss sofort beginnen – und wir wissen, dass wir es schaffen können. Der «Green Deal», den wir diese Woche präsentiert haben, ist Europas neue Wachstumsstrategie.

Er wird die Emissionen senken und gleichzeitig Arbeitsplätze schaffen und unsere Lebensqualität verbessern. Er ist der grüne Faden, der sich durch all unsere Politikfelder ziehen wird – vom Verkehr bis zu den Steuern, von den Lebensmitteln bis zur Landwirtschaft, von der Industrie bis zur Infrastruktur.

Mit unserem «Grünen Deal» wollen wir nicht nur in saubere Energie investieren und den Emissionshandel ausweiten, sondern auch die Kreislaufwirtschaft ankurbeln und die biologische Vielfalt Europas bewahren.

Der europäische Grüne Deal ist nicht nur eine Notwendigkeit: Er wird eine treibende Kraft für neue wirtschaftliche Chancen sein. Viele europäische Unternehmen sind schon heute grün. Sie senken ihre CO2-Bilanz und entdecken saubere Technologien für sich. Sie verstehen, dass unser Planet Grenzen hat: Europas Unternehmen wissen, dass wir uns alle um unser gemeinsames Haus kümmern müssen.

Und ihnen ist bewusst, dass es Vorteile bringt, wenn sie bei den nachhaltigen Lösungen von morgen unter den Pionieren sind. Was Unternehmen und Menschen, die den Wandel vorantreiben, von uns brauchen, ist ein besserer Zugang zu Finanzierungen. Darum werden wir eine Investitionsoffensive für ein nachhaltiges Europa vorlegen, die in den nächsten zehn Jahren eine Billion Euro freisetzen wird.

Dazu werden wir Hand in Hand mit der Europäischen Investitionsbank arbeiten. Kommenden März werden wir das erste europäische Klimagesetz vorschlagen, das unser weiteres Vorgehen unumkehrbar festschreiben wird. Investoren, Innovatoren und Unternehmen brauchen klare Regeln, um Investitionen langfristig planen zu können.

Wenn wir die Art und Weise verändern, wie wir produzieren und konsumieren, wie wir leben und arbeiten, dann müssen wir auch diejenigen schützen und begleiten, die Gefahr laufen, besonders hart von diesem Wandel getroffen zu werden. Der Übergang zur Klimaneutralität muss für alle funktionieren, oder er wird scheitern.

Ich werde vorschlagen, einen Fonds für einen fairen Übergang einzurichten, und ich möchte, dass dieser Fonds mit Hilfe der Europäischen Investitionsbank und privaten Geldern in den nächsten sieben Jahren Investitionen in Höhe von 100 Milliarden Euro mobilisiert. All jene europäischen Regionen, die grössere Anstrengungen unternehmen müssen, werden wir nicht im Regen stehen lassen. Junge und ältere Menschen in ganz Europa fordern Klimaschutzmassnahmen nicht nur ein.

Sie ändern auch ihren persönlichen Lebensstil: die Pendlerinnen und Pendler, die Rad fahren oder öffentliche Verkehrsmittel nutzen, Eltern, die sich für Stoffwindeln entscheiden, Unternehmen, die auf Einwegplastik verzichten und nachhaltige Alternativen auf den Markt bringen. Viele von uns sind Teil dieser europäischen und globalen Klimabewegung.

Auch deutsche Gemeinden gehen mit gutem Beispiel voran. Sie zeigen, wie Klimaschutz auf lokaler Ebene funktionieren kann: durch den vernünftigen Einsatz von Ressourcen, die stärkere Nutzung erneuerbarer Energien, Öko-Innovationen in der Abfallwirtschaft und Recycling. Sie liefern Inspirationen und beweisen uns, dass jeder und jede Einzelne einen Beitrag leisten kann. Neun von zehn europäischen Bürgerinnen und Bürgern verlangen entschlossene Klimaschutzmassnahmen.

Unsere Kinder verlassen sich auf uns. Die Europäerinnen und Europäer wollen, dass ihre Union daheim aktiv wird und international eine Vorreiterrolle übernimmt. Dieser Tage hat sich die ganze Welt in Madrid zur Klimakonferenz der Vereinten Nationen eingefunden, um gemeinsame Massnahmen gegen die Erderwärmung auszuloten.

Der europäische «Grüne Deal» ist Europas Antwort auf die Forderungen unserer Bürgerinnen und Bürger. Es ist ein Deal von Europa für Europa und ein Beitrag zu einer besseren Welt. Jede Europäerin und jeder Europäer kann Teil dieses Wandels sein.