Gastkommentar

St.Galler Chefarzt Pietro Vernazza: «Kopfloses Handeln schadet mehr als das Corona-Virus»

Trotz den ersten bestätigten Fälle von Corona-Virus in der Schweiz sollte Ruhe bewahrt werden. Der Gastkommentar von Pietro Vernazza, Chefarzt Infektiologie und Spitalhygiene im Kantonsspital St.Gallen und Matthias Schlegel, Stv. Chefarzt und Leiter der Spitalhygiene im Kantonsspital.

Pietro Vernazza
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 Pietro Vernazza Chefarzt Infektiologie und Spitalhygiene, Kantonsspital St.Gallen.

Pietro Vernazza Chefarzt Infektiologie und Spitalhygiene, Kantonsspital St.Gallen.

Bild: Ralph Ribi

Die ersten bestätigten Fälle von Corona-Virus in der Schweiz führen teilweise zu irrationalen Reaktionen. Es ist dringend notwendig, dass Ruhe einkehrt und effiziente, verhältnismässige Massnahmen – eine Containment-Strategie – die ungeordneten chaotischen Massnahmen ablösen. Unter Containment versteht man den Versuch, die Ausbreitung einer Epidemie vollständig zu stoppen, wie bei Sars. Jede Infektion muss verhindert werden.

Wir kennen die Darstellungen mit Masken und Schutzanzügen. Doch damit vermitteln wir ein Bild: Die Bevölkerung meint, dass es sich um ein gefährliches Virus handelt, Typ Ebola. Doch Corona-Viren sind Erreger, die wir seit langem kennen. Sie verursachen Schnupfen, manchmal auch Infektionen der Lungen und hinterlassen eine Immunität. Daher werden vorwiegend Kinder und junge Menschen mit Corona-Viren infiziert und sind dann für den Rest des Lebens immun. Der Verlauf ist bei Kindern immer milde. Anders beim neuen Corona-Virus: Hier fehlt die Immunität der Bevölkerung. Dies hat zwei Konsequenzen:

  • Sehr viele Personen sind gefährdet.
  • Nicht nur Kinder, auch ältere Menschen sind betroffen.

Zu Beginn einer Epidemie sieht man nur die schweren Fälle. Doch bald schon wurde klar: Mindestens 80 Prozent der Erkrankten heilen mit milden Symptomen ab. Selbst Infektionen ohne Symptome werden zunehmend geschildert, oft bei Kindern. Das ist ein gutes Zeichen: Ein grosser Teil der Bevölkerung wird, ohne Schaden zu nehmen, immun, und die weitere Ausbreitung wird reduziert (Herdenschutz).

Falls tatsächlich viele Personen die Infektion ohne Symptome durchmachen, bedeutet dies auch, dass wir die Sterberate – Todesfälle pro Anzahl infizierte Personen – aktuell noch etwas überschätzen. Bei älteren Menschen verläuft die Krankheit komplikationsreicher. Tödliche Verläufe sind besonders bei Menschen mit Herzkrankheiten, Bluthochdruck und Diabetes und allgemein im fortgeschrittenen Alter häufiger. Nebst der erhöhten Sterblichkeit im Alter könnte die grosse Zahl von möglichen Infektionen unser Gesundheitssystem belasten. Eine plausible Schätzung wäre, dass innert einem halben Jahr ein Drittel der Bevölkerung die Krankheit (mit oder ohne Symptome) durchgemacht hat und immun sein wird.

Ausbreitung der Infektion ist unvermeidbar

Sprechen wir Klartext: Die Epidemie verbreitet sich rasant. Wir gehen davon aus, dass jede infizierte Person drei bis fünf weitere ansteckt. Die Ausbreitung der Infektion ist unvermeidbar. Wir sind aber nicht hilflos ausgeliefert, sondern haben es in der Hand, nicht die Tatsache der Ausbreitung, aber deren Tempo einzudämmen. Jede Weiterverbreitung einer Infektion hängt von Verhaltensfaktoren ab.

Wenn es gelingt, die Rate der Übertragung von Krankheitserregern zu reduzieren, dann gewinnen wir sehr viel: weniger milde Erkrankungen über einen Zeitraum heisst auch weniger Arbeitsausfälle. Und eine Reduktion der Anzahl schwerer Fälle über einen gewissen Zeitraum entlastet unsere Spitäler. Wir müssen jetzt nicht jede Massnahme, die einen potenziellen Effekt haben könnte, umsetzen. Wir müssen mit den verfügbaren Ressourcen die maximale Wirkung erreichen. Eine überstürzte Forderung nach unzähligen Maximallösungen ist gut gemeint. Sie reduziert aber paradoxerweise die Gesamtwirkung der Massnahmen.

Für Keime wie Corona-Virus wissen wir, dass diese in erster Linie beim direkten Kontakt – vorwiegend über die Hände, aber auch durch Tröpfchen – erfolgt. Der Anteil von Übertragungen, welche durch die Ausatmungsluft erfolgen (Aerosole), ist gering, insbesondere bei der Mehrheit der milden Formen. Wenn es nun also nicht darum geht, jede Infektion zu verhindern, sondern die Ausbreitung zu bremsen, dann müssen wir uns auf die Hauptübertragungswege konzen­trieren. Das ist die Reduktion der Übertragungen durch Kontakte und Tröpfchen.

Pandemie hat die Schweiz noch nicht erreicht

Das Tragen von Masken durch gesunde Personen ist ineffizient. Die Reduktion von Keimen auf Händen und Gesicht ist die wirksamste Massnahme. Wir sind jetzt gefordert, diese Verhaltensänderungen zu schulen. Noch hat die Pandemie die Schweiz nicht erreicht. Heute wird es in der Schweiz – selbst unter Berücksichtigung einer Dunkelziffer – nur vereinzelt infizierte Personen geben. Man könnte das Verbot von Grossveranstaltungen kritisieren. Doch die Erfahrungen aus der Spanischen Grippe zeigen uns, dass solche Massnahmen, welche unter dem Begriff «Social distancing» zusammengefasst werden, kombiniert mit den Hygienemassnahmen tatsächlich eine sehr hohe Wirksamkeit aufweisen. Je früher sie eingesetzt wurden, desto kleiner die Anzahl Todesfälle.

Wir wollen weiterhin der neuen Herausforderung evidenzbasiert begegnen. Die Diagnostik wird sich längerfristig auf die hospitalisierten Patienten beschränken. Ein teurer Nachweis bei milden Fällen wird sich meist erübrigen. Viele Arbeitgeber fordern noch die Durchführung eines Abstriches ihrer gesunden Mitarbeiter, bevor sie sie nach Rückkehr aus einem Endemiegebiet wieder an die Arbeit lassen. Dafür fehlt jegliche Evidenz. Das vorgeschlagene Tragen von Masken für die Session des Parlaments sendet ein falsches Signal. Masken sollen von kranken Personen getragen werden. Kranke Personen gehören aber nicht in den Ratssaal.

Es werden jetzt überall Desinfektionsständer aufgestellt. Waschen mit Wasser und Seife dauert zwar etwas länger, zerstört aber Corona-Viren wirksam. Die Spitäler brauchen Desinfektionsmittel, um rascher, nicht besser zu desinfizieren. Wenn jetzt in Arztpraxen und Spitälern Desinfektionsmittel ausgehen, wird die Effizienz dieser maximal geforderten Institutionen beeinträchtigt.

Das Corona-Virus wird zur Pandemie. Ob schwer oder nicht, ist unbekannt. Aber wir können gemeinsam für den besten Verlauf arbeiten.