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Das Malaise des Ringkantons: Es gibt keine St.Galler – und genau deshalb werden mutige Entscheide verhindert

Der Kanton St.Gallen ist ein seltsames Gebilde. Nur mit viel Kraft schafft es die Regierung, die Einheit zu wahren. Doch ihre bisherige Strategie, jede Region mit Zückerchen bei Laune zu halten, geht bald nicht mehr auf.
Stefan Schmid
Stefan Schmid, Chefredaktor. (Bild: Benjamin Manser)

Stefan Schmid, Chefredaktor. (Bild: Benjamin Manser)

Helvetisches Malaise. So hiess ein Büchlein mit nur 42 Seiten, das vor 55 Jahren schweizweit Furore machte. Max Imboden konstatierte darin eine eidgenössische Verzagtheit, Reformen an die Hand zu nehmen. Die Schweiz befinde sich in einer «seltsamen Mittellage zwischen Zuversicht und nagendem Zweifel», schrieb der freisinnige Staatsrechtler. Im 19. Jahrhundert «waren wir eine der revolutionärsten Nationen; heute sind wir eine der konservativsten der Welt».

«Helvetisches Malaise» war ein Bestseller. Imbodens Forderungen – mehr Mut, eine höhere Stimmbeteiligung, weniger Macht den Verwaltern, Kampf der sinnentleerten Propaganda – wurden breit diskutiert. Und sie sollten bis heute aktuell bleiben.

Gerade auch im Kanton St.Gallen, diesem seltsamen, von Napoleon und dem Politiker Karl Müller von Friedberg erschaffenen Konstrukt. Ein Kanton, in welchem die Zentrifugalkräfte historisch bedingt stärker sind als in den meisten anderen Schweizer Ständen. Müller von Friedberg führte die helvetischen Kantone Säntis und Linth zusammen und gliederte die Gebiete von Glarus, Innerrhoden und Ausserrhoden aus. Übrig blieb der Kanton St.Gallen mit seinen heutigen Grenzen.

Der Kanton ist somit kein natürlich gewachsenes Gebilde, sondern ein emotionsloser Entwurf einiger Diplomaten. Das einzige verbindende Element war der gemeinsame Wille zur Freiheit. Es gab und gibt kaum jemanden, der sich als St.Galler definiert. Man ist Rheintaler, Sarganserländer oder Toggenburger. Aber nicht St.Galler. Der Ringkanton stellt weder sprachlich noch wirtschaftlich noch kulturell eine Einheit dar. Der Süden orientiert sich Richtung Graubünden, das Linthgebiet lehnt sich eng an Zürich an, das Toggenburg zelebriert seine Abgeschiedenheit. Wahrlich eine Herkulesaufgabe, diesen Kanton zusammenzuhalten und einigermassen vernünftig zu regieren.

Wenig erstaunlich daher, dass sich auch die aktuelle Kantonsregierung schwer tut, Akzente zu setzen. Es fehlt ihr der Mut, vielleicht auch die herausragende Figur, die im Stile Alfred Eschers in der Lage wäre, Grosses anzureissen. Sicher aber leidet die Politik in diesem Kanton an den zahlreichen regionalpolitischen Fesseln, die nirgendwo dominanter sind als im St.Gallerland.

Das Linthgebiet, das sich ohnehin benachteiligt fühlt, soll mit der Verlegung des Rektorats der Fachhochschule nach Rapperswil besänftigt werden. Schön und gut. Um die Toggenburger bei der Stange zu halten, renoviert man in Wattwil die Kantonsschule, obwohl 75 Prozent der Schüler aus dem boomenden Linthgebiet stammen. Dieser regionalpolitische Basar, der permanente Ausgleich zwischen Regionen, die sich kritisch beäugen, macht niemanden glücklich – und er bringt den Kanton wirtschaftlich nicht weiter.

St.Gallen verzettelt sich mit der Befriedigung eines jeden Sonderwunsches. Der grösste Kanton der Ostschweiz sähe sich gerne in der Rolle des Vorkämpfers, des wohlmeinenden Imperialisten, der die Interessen der kleineren Nachbarn Innerrhoden, Ausserrhoden, Glarus, Thurgau und Graubünden zu bündeln und nach aussen zu vertreten vermag. Doch Anspruch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander. Wer so viel Kraft aufwenden muss, nur schon die interne Kohäsion zu wahren, kann keine Führungsrolle für eine ganze Region übernehmen. Das St.Galler Malaise ist deshalb faktisch ein Ostschweizer Malaise.

Zugegeben: Dem Kanton geht es nicht so schlecht. Man wurstelt sich durch, verwaltet solid, gleicht Disparitäten so gut es geht aus. Nur die Post, die geht anderswo ab. Wer hat noch nichts, wer will noch was? Der Zauber dieser st.-gallischen Ausgleichsformel verflüchtigt sich. Die Regierung muss in der Spitalfrage Farbe bekennen. Es wird nicht mehr möglich sein, jedem Täli sein Spitäli zu finanzieren. Gefragt sind mutige Entscheide im Interesse des Kantons. Entscheide freilich, die regional auch Verlierer produzieren werden. Vielleicht sollten unsere Regierungsräte Max Imboden lesen. Die Lektüre ist aktueller denn je.

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