Kommentar

Gewalt gegen Frauen: Sind Männer die schlechteren Menschen?

In den sozialen Medien teilen einzelne Feministinnen hemmungslos gegen Männer aus, die sich davon teils zu wütenden Reaktionen provozieren lassen. Dieser primitive Geschlechterkampf ist unfruchtbar.

Stefan Schmid
Drucken
Teilen
«Männer sind Arschlöcher.»

Das findet Sibel Schick, Autorin bei der linken Tageszeitung (TAZ), und führt zur Begründung ihrer Aussage «strukturelle Probleme» an. Was das bedeuten könnte? Männer sind kräftiger, Männer werden machohaft erzogen, Männer sind dann erst richtige Männer, wenn sie sich zu wehren wissen. So wird Mann halt ein Arschloch.

Hoch gehen die Wogen auf dem Nachrichtendienst Twitter, seit der Hashtag #MenareTrash (Männer sind Müll) in den deutschsprachigen Raum übergeschwappt ist. Während einige Feministinnen seither ihrem kaum verhohlenen Männerhass freien Lauf lassen, liefern Frauen verachtende Männer mit niederträchtigen Repliken neue Munition für die Eingangsthese, wonach Männer eben doch Müll sind.

Stefan Schmid, Chefredaktor.

Stefan Schmid, Chefredaktor.

Es ist absehbar: Wir werden uns, angestachelt durch stets neue Ereignisse wie die Prügelattacke in Genf, wo Männer fünf Frauen brutal zusammengeschlagen haben, weiter im Kreise drehen. Und hüben wie drüben fallen wie immer jene am meisten auf, die am stärksten draufhauen. Männer sind Müll – was für ein konstruktiver Beitrag!

Die Zahlen sprechen freilich eine deutliche Sprache: Männer werden statistisch zehnmal häufiger gewalttätig als Frauen. Das Geschlecht ist das weitaus wichtigste Kriterium bei der Frage, wer ein Mörder oder Vergewaltiger oder Bankräuber wird. Besonders gefährlich sind junge Männer um die 18, wie der Psychiater Thomas Knecht am Donnerstag auf «Tagblatt Online» sagte:

In diesem zarten Alter sind die Hormone in Höchstform, das Frontalhirn jedoch, welches die Selbstkontrolle regelt, ist noch zu wenig entwickelt. «Eine ungünstige Situation», wie Knecht knackig konstatiert.

Sind Männer also die schlechteren Menschen? Die Frage ist berechtigt. Feministinnen und Politikerinnen fordern Sofortmassnahmen gegen Gewalt an Frauen. Doch was ist mit all den Männern, die ihrerseits Opfer von Männergewalt werden, ohne selber je zum Schläger zu mutieren? Ist möglicherweise die Frage falsch gestellt? Wird ein Teil der Männer zu schlechten Menschen erzogen? Und tragen dafür sogar Mütter Mitverantwortung, die es richtig gut finden, wenn sich ihre Buben auf dem Spielplatz als Rädelsführer aufplustern?

Selbstverständlich ist jede Gewalttat eine zu viel – egal, ob Männer oder Frauen davon betroffen sind. Massnahmen, die dazu dienen, Gewaltphänomene einzudämmen, sind daher stets gut zu prüfen. Ist ein öffentlicher Nutzen absehbar, spricht nichts dagegen, sie auch zu ergreifen. Dennoch sind wir gerade in der Schweiz gut beraten, nicht wegen einer Einzeltat wie der Attacke in Genf in regulatorische Hektik zu verfallen und staatliche Eingriffe zu postulieren.

Rufen wir uns ein paar Fakten in Erinnerung. So ist die Zahl der Gewaltdelikte rückläufig:

Zudem fühlen sich die meisten Menschen in der Schweiz sicher und können sich frei und uneingeschränkt im öffentlichen Raum bewegen – auch die Frauen. Die Statistiken zeigen keine Hinweise auf eine signifikante Zunahme von Gewaltdelikten gegen Frauen – auch wenn naturgemäss die Dunkelziffer hoch ist. Die Gefahr, als Frau Opfer eines Gewaltdelikts zu werden, ist in den eigenen vier Wänden noch immer deutlich höher als draussen auf der Strasse. Da trifft es weit häufiger Männer, die von anderen Männern traktiert werden. Dass Männer, wie in Genf, Frauen angreifen, ist aussergewöhnlich. Psychiater Thomas Knecht sagt:

«Normalerweise stehen im Ausgang werbende und erotische Absichten im Zentrum, keine Feindseligkeiten.»

Unbestritten ist, dass es zu viele Gewaltdelikte gibt und dass diese bestraft werden müssen. Richtig ist auch, dass dank sozialer Medien, die länderübergreifende Debatten provozieren, die Sensibilität im gegenseitigen Umgang der Geschlechter zugenommen hat. Wer aber primär den Kampf der Geschlechter zu inszenieren versucht, produziert tatsächlich nur Müll.