Silvan Lüchinger – ein Grosser tritt kürzer

Silvan Lüchinger, Meister des Schalks, wird nach 37 Jahren als Journalist pensioniert. 

Stefan Schmid
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Silvan Lüchinger

Silvan Lüchinger

Coralie Wenger

Lü. Ein Kürzel, das für weit mehr steht, als einen geschätzten Redaktionskollegen, der das Pensionsalter vorzeitig erreicht. Der bald 64-jährige Silvan Lüchinger hat während vier Jahrzehnten den Journalismus in der Ostschweiz geprägt wie kaum ein Zweiter. Und dabei ebenso bleibende Spuren im Redaktionsalltag hinterlassen.

Unvergesslich die Freitagabende, die mit Bier in Lüchingers Büro begonnen und spätnachts irgendwo geendet hatten. Lüchinger, Katholik durch und durch, war den Genüssen des Lebens nicht abgeneigt. Das manifestiert sich auch in seinen Nebenbeschäftigungen: Pilze sammeln, Holz fällen (und anzünden) und Wein anbauen.

37 Jahre lang diente Lü der Ostschweizer Öffentlichkeit, indem er Kommentare zur politischen und gesellschaftlichen Lage verfasste, Reportagen schrieb, Glossen inszenierte, Texte gegenlas, Praktikanten und Volontärinnen rekrutierte und ausbildete und als langjähriger stellvertretender Chefredaktor des St. Galler Tagblatts Führungsentscheide zu fällen hatte.

Lü war publizistisch ein Multitalent und dennoch stilistisch ein Original, der darüber hinaus mit seinem Rheintaler Akzent und seinem unverwechselbaren Schalk die Menschen in den Bann zu ziehen vermochte.

Lüchinger liess niemanden kalt, die meisten mochten ihn sehr gerne, auch wenn man sich vorzüglich mit dem CVP-Parteigänger streiten konnte.

Lüchingers Laufbahn begann 1983 bei der damaligen «Rorschacher Zeitung», wo er legendäre Kolumnen wie «Taucherli» ins Leben rief. Ob er später, als er bei der «Ostschweiz» zuerst als Redaktor dann bis zu deren Ende 1997 als Chefredaktor tätig war, die zuweilen bissige Satire «Notker der Stänkerer» verantwortete, ist bis heute ungeklärt.

1998 jedenfalls begann Lüchingers Karriere beim einst von ihm bekämpften, damals noch freisinnigen Tagblatt. Bis 2009 führte er das Blatt zusammen mit Chefredaktor Gottlieb F. Höpli. So sehr Lüchinger den Vorgesetzten als Journalisten achtete, so stark unterschied sich sein agrarisch-konservativ geprägtes Weltbild von jenem des liberalen, zuweilen auch libertär argumentierenden einstigen NZZ-Manns.

Zu spüren bekam dies Höpli an seinem Abschiedsfest auf dem hohen Hirschberg, wo Lüchinger eine Rede hielt, die an boshafter Brillanz nicht zu übertreffen war. Höpli soll die Rede im Nachhinein bei Lüchinger bestellt haben, worauf sie ihm dieser mit den Worten aushändigte: «Du hast es so gewollt.»

Ab 2009 bildete Lüchinger zusammen mit Philipp Landmark das Tagblatt-Führungsduo, ehe er ab 2016 mit dem aktuellen Chefredaktor Stefan Schmid zusammenarbeitete. 2018 trat Lüchinger aus dem Leitungsgremium aus und konzentrierte sich aufs Schreiben und die Ausbildung der Jungen.

Sein Rückzug per Ende Januar ist primär einer gewissen Abnutzung geschuldet. Lüchinger verhehlte aber nicht, dass ihm die Entwicklungen in der Medienbranche Bauchweh bereiten.

Silvan Lüchingers reguläre Zeit als Autor dieser Zeitung ist vorbei. Der Rorschacher bleibt der Leserschaft aber bis auf weiteres als Salzkorn- und Kolumnisten-Schreiber erhalten. Und, wer weiss, möglicherweise läuft dabei Fussballfan Lüchinger, der kaum ein Champions-League-Spiel am Fernsehen verpasst, wie der geniale schwedische Stürmer Zlatan Ibrahimovic im Herbst seiner Karriere nochmals zur Hochform auf. Wir hoffen es. Danke und alles Gute, Lü!