Kommentar

Seien Sie wild und unberechenbar

Obwohl wir alle ständig etwas falsch machen, tun wir so, als wäre das Übertreten von Regeln in unserem Leben absolut zu vermeiden. Neue Verbote, ob von Alt oder Jung erfunden, lösen aber nicht alle Probleme. Sie schaffen neue.

Odilia Hiller
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Odilia Hiller.

Odilia Hiller.

In unserem Land herrscht die meiste Zeit gespenstische Ruhe und Ordnung. Da fragt man sich ab und zu, ob wirklich alle zum Lachen in den Keller gehen. Oder ob sie es sich aufsparen, bis Fasnacht ist. Oder dieser Victor Giacobbo in den Circus Knie kommt. Oder ob einfach alle an einer kleinen Depression leiden.

Deshalb wird dies ein Aufruf zu sozialem Ungehorsam. Tun Sie etwas Verbotenes. Seien Sie wild und unberechenbar. Auch nach dem Aschermittwoch, wenn die verordnete Fasnachtsheiterkeit an den meisten Orten vorbei ist: Überborden Sie. Machen Sie etwas komplett Sinnloses.

Wie pubertär, könnte man einwenden. Nicht im Geringsten: Man nehme die echten Pubertierenden, die klimastreikenden Schülerinnen und Schüler. Nicht einmal sie treiben es besonders wild. Sie beschränken sich im Grossen und Ganzen darauf, den Erwachsenen kollektiv ein schlechtes Gewissen zu machen. Sie möchten Billigflüge verbieten und Autofahren und Treibhausgase. Sie sind – von nahe besehen – eigentlich recht stier, auch wenn man das keinesfalls laut sagen darf. Der Vollständigkeit halber: Sie haben natürlich mit vielen Forderungen recht. Doch das ist nicht der Punkt.

Neue Verbote, ob von Alt oder Jung erfunden, lösen nicht alle Probleme. Sie schaffen neue. Das grösste davon: Früher oder später machen wir uns alle schuldig. Weil wir bei Rot über die Ampel gehen. Weil wir in der Nähe eines Spielplatzes rauchen. Weil wir Zucker essen. Weil manche, ganz wenige von uns, eine Burka tragen. Weil wir auch mal rechts überholen. Weil wieder andere schwul sind und dennoch Eltern werden möchten. Weil wir Kleidung unklarer Herkunft tragen und nicht vegan leben.

Obwohl wir alle ständig etwas falsch machen, tun wir so, als wäre das Übertreten von Regeln in unserem Leben absolut zu vermeiden. Würde das Gewicht der Schuld, das wir auf uns laden, sonst vielleicht zu gross? Und suchen nicht gerade jene Zeitgenossen, die immer genau wissen, was sich gehört und wie alles zu sein hat, einen Weg, den Würgegriff der eigenen Schuldgefühle etwas zu lockern? Ob es sie wirklich glücklich macht, steht auf einem anderen Blatt.

Wollen wir eine Nation sein, wo Vielfalt und Anderssein möglichst eingeebnet – und falls nötig geahndet – wird? Bis wir uns irgendwann alle irgendwie schämen dafür, wie wir sind und wie wir leben? Und viel wichtiger: Wie schützen wir unsere Minderheiten und die individuelle Freiheit vor der Diktatur der Besserwisser? Wo ziehen wir die Grenze zwischen anders und falsch leben?

Das sind natürlich Fragen des Zusammenlebens, auf die es keine einfache Antwort gibt. Der Mensch geht relativ weit, um dazuzugehören und sich als akzeptierter Teil eines grossen Ganzen zu fühlen. Er will nicht allein sterben. Wenig ist für ihn schlimmer als das Gefühl der Inkompatibilität.

Gerade deshalb wäre es Aufgabe des Staates, das Leben seiner Bürger nicht so durchzuregulieren, dass sich der Einzelne mehrmals täglich als schlechter Mensch fühlen muss. Und dieser Einzelne muss immer wieder aufpassen, dass er beim Richten über sich selbst und andere das Augenmass nicht verliert.

Das Akzeptieren anderer Lebensformen ist ein wesentlicher Teil von Toleranz. Das Schwingen der Moralkeule hat noch niemanden zu einem besseren Menschen gemacht. Das heisst nicht, dass man deswegen Kindern auf dem Spielplatz den Zigarettenrauch absichtlich ins Gesicht blasen oder eine Tankstelle überfallen soll. Den gesunden Menschenverstand gibt es zur Not auch noch. Und dieser, wird er gefördert, sollte einen vor den schlimmsten Entgleisungen bewahren. Denn das wahre Problem im Sandhaufen sind nun mal nicht Zigarettenstummel, sondern Katzenkot. Niemandem würde einfallen, deswegen allen Haltern zu verbieten, ihre Katzen ins Freie zu lassen. Bis jetzt.