Analyse
Schlecht gemacht, Napoleon! Weshalb die Kantone St.Gallen und Thurgau eine Fehlkonstruktion sind

Die Ostschweiz ist politisch ein einziger Flickenteppich. Sie kommt deshalb kaum vom Fleck. Der Grund dafür liegt in der Mediationsakte von 1803. Höchste Zeit, die Fehler zu korrigieren.

Stefan Schmid
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Stefan Schmid, Chefredaktor.

Stefan Schmid, Chefredaktor.

Hanspeter Schiess

Die Kantone St.Gallen und Thurgau sind eine Fehlkonstruktion. Schuld daran ist der französische Kaiser Napoleon, der 1803 mit der Mediationsakte den politischen Feldversuch namens Helvetische Republik beendete und die Eidgenossenschaft neu gründete.

Die Akte besiegelte im Falle des Kantons St.Gallen die heutige politische Geografie. Diese steht am Anfang vieler Übel. Von der Spitalfrage über die Verkehrspolitik bis hin zu den Finanzströmen.

Dieser Kanton ist keine Einheit. Der Wille, im Interesse des Gesamten die besten Lösungen zu finden, ist kaum existent.

Jede Region kämpft nur für sich.

Das Rheintal, das Toggenburg, das Linthgebiet, die Hauptstadtregion. Die Kosten, das künstliche Gebilde zusammenzuhalten, sind auf Dauer zu hoch.

Etwas (wenn auch nicht entscheidend) besser ist die Lage im Thurgau. Denn auch hier driften der westliche Kantonsteil, der sich Richtung Winterthur und Zürich orientiert sowie die östliche Kantonshälfte, die zur Agglomeration St.Gallen zählt, auseinander. Noch kann der Lokalpatriotismus, der im agrarisch veranlagten Thurgau ausgeprägter ist als in St.Gallen, die Risse ein wenig kitten. Doch unter der Oberfläche brodelt es auch in Mostindien.

Politiker dürfen nicht laut über längst fällige territoriale Veränderungen nachdenken. Man würde sie rasch als Spinner abtun oder als Träumer verunglimpfen. Als journalistischer Beobachter ist man da freier.

Anstatt so weiterzuwursteln und unglaublich viel Energie in die innere Kohäsion und die gegenseitige Absprache zu stecken, wäre es höchste Zeit, die Ostschweiz neu zu gründen. Mit den aktuellen Strukturen verpasst unser Landesteil nämlich den Anschluss an dynamischere Gegenden wie die Genferseeregion, Zürich oder Basel. Das darf nicht sein.

Beginnen wir mit der Aufteilung des Kantons St.Gallen. Das Werdenberg und das Sarganserland könnten sich den Bündnern anschliessen. Das Linthgebiet geht an Zürich. Dort gehören diese Regionen mentalitätsgeschichtlich und kulturhistorisch nämlich hin. Nebst den Appenzellern bilden dafür neu die Oberthurgauer zusammen mit den übrigen St.Gallern den neuen Kanton Säntis, dessen natürliche Hauptstadt St.Gallen ist. Der westliche Thurgau wird eine eigene kleine Republik oder schliesst sich dem Kanton Zürich an.

Auf diese Weise entstünde im Osten der Schweiz eine Kernregion, die politisch, kulturell und wirtschaftlich zusammengehört.

Ein neuer Kanton Säntis, der vom Bodensee über die Gallusstadt bis hin zu den Churfirsten reicht.

Dieser Kanton Säntis könnte eine vernünftige Spitalplanung an die Hand nehmen, der Hauptstadtregion St.Gallen zu ihrer tatsächlichen Geltung verhelfen, indem eine moderne S-Bahn gebaut und die Stadt als urbaner Wirtschafts- und Wohnstandort gefördert würde. Dieser Kanton würde die Bildungseinrichtungen zentralisieren und die Wachstumspolitik auf die Achse Rheintal-Bodensee-St.Gallen-Wil fokussieren. Es entstünde ein Raum, der funktional zusammengehört.

Selbstverständlich würde dieser neue Kanton Säntis freundschaftliche Beziehungen zum Rumpfthurgau, zu Bündner, Glarner, Liechtensteiner und Zürcher Nachbarn unterhalten und die Zusammenarbeit im Bodenseeraum nach Kräften unterstützen.

Es entstünden spannende Projekte im Osten der Schweiz. Ein neues Zentrum, das eine attraktive Ausstrahlung besitzt und Fachkräfte anzieht. Anstelle der sich argwöhnisch beäugenden Kantone Thurgau und St.Gallen träte ein Gebilde, das offener wäre für innovative Ideen und sich von den Fesseln des nationalen Finanzausgleichs befreit.

Ein Hirngespinst, schon klar. Aber ein elektrisierendes.

Es wäre ein Befreiungsschlag, der den banalen Pragmatismus und die zermürbende Politik der Minischritte ablöst. Gründen wir den Kanton Säntis und zeigen der Schweiz, dass es keinen neuen Napoleon braucht, um alte Strukturen, die sich nicht bewährt haben, aufzubrechen. Wer hilft mit?