Kommentar

Rekordgewinne hier, Entlassungen dort: Das birgt sozialen Sprengstoff

Die grösste Privatbank der Schweiz, Julius Bär, hat im ersten Halbjahr einen Rekordgewinn erzielt. Auch den US-Banken läuft es glänzend – und morgen publiziert die Grossbank UBS ihre Zahlen. Die Finanzwelt scheint sich von der Realwirtschaft abzukoppeln.

Patrik Müller
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Patrik Müller

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Entlassungen hier, Kurzarbeit dort: Die Coronarezession trifft viele Arbeitnehmer hart. Während die Covid-19-Zahlen zumindest in der Schweiz unter Kontrolle sind, steht die wirtschaftliche Infektionskurve noch am Anfang. Ökonomen gehen davon aus, dass die Arbeitslosigkeit bis Ende Jahr noch deutlich steigen und erst 2021 langsam zurückgehen wird.

In starkem Kontrast dazu stehen die Erfolgsmeldungen aus der Finanzwelt:

  • Julius Bär, die grösste Privatbank der Schweiz, erzielte im ersten Halbjahr 2020 einen Konzerngewinn von 491 Millionen Franken – so viel wie noch nie in der 130-jährigen Geschichte der Bank. Morgen wird die Grossbank UBS ihre Ergebnisse bekanntgeben, auch sie dürften stark ausfallen. Denn in Zeiten schwankender Börsenkurse werden Aktien wie verrückt gekauft und verkauft, das schenkt ein.
  • Die fünf führenden amerikanischen Banken – JP Morgan Chase, Goldman Sachs, Morgan Stanley, Bank of America und Citigroup – vermeldeten allesamt die besten Handelsergebnisse seit zehn Jahren, befeuert auch durch die Geldschwemme der Notenbanken. Im zweiten Quartal 2020 lief das Geschäft blendend, und das in den USA, jenem Land, das weltweit am meisten Corona-Ansteckungen und Todesopfer zu beklagen hat.
  • Viele Aktienmärkte weltweit haben seit ihrem Absturz im März gewaltig aufgeholt. Das führte, wiederum in den USA, zu einem irritierenden Rekord: Der Börsenindex S&P 500 erlebte von April bis Juni das beste Quartal seit über 20 Jahren. Auch die Schweizer Börse blüht auf. Geschickte Anleger konnten und können sich mitten in der Coronapandemie eine goldene Nase verdienen. 

Dass Banken und Finanzinvestoren in diesen Zeiten Geld verdienen, ist besser, als wenn auch sie Probleme hätten. Das würde die Lage der Realwirtschaft nur noch schwieriger machen. Die Kreditversorgung von darbenden Klein- und Mittelbetrieben funktioniert auch darum so gut, weil die Finanzinstitute gesund dastehen. Zudem: Die Steuern, die die Banken auf ihren Profiten zahlen, hat der Staat zurzeit besonders nötig.

Trotzdem haben die fast euphorischen Communiqués aus der Finanzwelt einen schalen Nachgeschmack, obschon darin mantraartig betont wird, die Pandemie könne die Ergebnisse später noch belasten. Die Entkoppelung des Finanzsektors von der Realwirtschaft widerspiegelt ein Problem, das unsere Gesellschaft noch Jahre über die Coronazeit hinaus beschäftigen wird: Covid-19 trifft ärmere Menschen nicht nur gesundheitlich, sondern auch wirtschaftlich stärker als die Vermögenden. Manche von ihnen profitieren sogar von dieser Krise.

Mit anderen Worten: Das heimtückische Virus öffnet die Schere zwischen Arm und Reich noch zusätzlich. Das birgt sozialen Sprengstoff.

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