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Kolumne

Politikerin ohne Megaphon

Theresa May ist alles andere als eine Lautsprecherin. Dies ist für sie aber kein Nachteil: mit ihrer vorsichtigen Rhetorik hält sie die Balance in der zerrütteten Regierungspartei aufrecht.
Gabriel Felder
Gabriel Felder, freier Journalist in London. (Bild:

Gabriel Felder, freier Journalist in London. (Bild:

Theresa May ist mir ein Rätsel. Wie macht sie das bloss? Die britische Premierministerin wurde schon so oft als «erledigt» und «aus und vorbei» abgetan, dass ihr Ausharren im Regierungssitz von Number 10 Downing Street einem Wunder gleichkommt. Die Liste von Krisen und Katastrophen, die sich unter ihrer Ägide abspielten, wird immer länger, und der bevorstehende Brexit-Endspurt verspricht alles andere als eine Verschnaufpause.

May scheint ausserdem merklich fehl am Platz in einer Welt, die ihre Galionsfiguren an Instagram-Tauglichkeit und Medienflair misst. Ihre TV-Interviews zeichnen sich durch eine spröde und ungelenke Roboterhaftigkeit aus. «Maybot» wurde denn auch flugs zum Übernamen, der sitzen blieb: Es gibt sogar ein Buch, das den «Aufstieg und Fall des Maybot» beschreibt. «Ich beginne zu vermuten, dass Mays Gehirn gehackt und auf das Wieder­holen von sinnlosen Slogans reduziert wurde», schreibt Autor John Crace darin.

In einer Frage-und-Antwort-Runde mit Wählern beantwortete Theresa May kürzlich die Frage, wie sie sich am liebsten entspanne, mit ihrem gewohnten Mix aus Unmut und Unbehagen: «Ich koche gern,» begann sie zögernd, «weil wenn man kocht, kann man das Gekochte dann auch essen.» Die anschliessende unbequeme Stille im Raum war laut Zeugenaussagen ohrenbetäubend. Fragen über ihr Privatleben sind ihr ein Gräuel. Standvermögen aber gehört zu ihren Stärken. Sie verliess das Innenministerium – oft als Friedhof politischer Karrieren gefürchtet – in aufrechtem Gang.

«Theresa ist aus Teflon gemacht», witzelte ein Kollege nach ihrer Amtsabgabe als Innenministerin. Eine stählerne Qualität die ihr auch als Parteichefin zugute kommt: Die Konservativen sind in Sachen Brexit hoffnungslos zerrüttet und Mays vorsichtige Rhetorik dient oft dazu, eine delikate Balance aufrechtzuerhalten. Bürgerkriegsartige Zustände in der Regierungspartei, so kalkuliert sie zurecht, kann sich das Land in diesen politisch wackligen Zeiten schlicht und einfach nicht leisten. Ob May ihren Balanceakt in die Brexit-Zielgerade hinüberretten kann, bleibt abzuwarten. Ob sie das Interesse der ganzen Nation oder nur den Hausfrieden in ihrer Partei im Auge hat, ebenso.

Eine Biografie über die Regierungschefin porträtiert eine fleissige Pfarrerstochter, die ihren zugeknöpften Charakter keineswegs als Nachteil betrachtet, wenn es um politische Ambitionen geht. Schon als 12-jährige schwor sich May, eines Tages als erste weibliche britische Premierministerin in die Geschichte einzugehen. Jugendfreunde beschreiben ihre «bodenlose Enttäuschung», als ihr Margaret Thatcher 1979 zuvorkam. May, so wissen wir, blieb dran und arbeitete sich mit eiserner Disziplin ins höchste politische Amt des Landes. In einer Welt, die Megafon-Politisieren bevorzugt, gilt ihr stiller Aufstieg als Errungenschaft. Aus diesem Blickwinkel betrachtet macht es Sinn, dass May an ihrem Amt festhält, wenn es von aussen oft als hartnäckig und aufopfernd erscheint.

Die US-Autorin Susan Cain erklärt in ihrem Buch «Still – die Kraft der Introvertierten», wie unsere Gesellschaft aussehen würde, wenn sie ruhigeren Charakteren mehr Platz einräumen würde. Cain beschreibt Introvertierte mit Attributen wie ausdauernd, bescheiden und moralisch verankert – nicht von kurzlebigen Trends angetrieben. May könnte so betrachtet eine Vorreiterin einer neuen Welle von gewissenhafteren Politikern sein. Vielleicht ist sie eine Geisel ihrer eigenen sturen Ambitionen und kann nicht loslassen, auch wenn sie von Flächenbränden umgeben ist. Die Geschichte wird’s zeigen.

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