Persönlich
Wenn Corona einem die Strassenmusik verdirbt

Strassenmusik ist im Vorbeigehen oft viel schöner, als wenn man ihr nicht entrinnen kann – im Homeoffice, zum Beispiel.

Eva Berger
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BLZ

Als Hans-Rudolf Merz Bundesrat war, soll er am Morgen jeweils einen Zweifränkler eingesteckt haben für den ersten Strassenmusiker, der an diesem Tag seinen Weg kreuzen wird. Ich habe das vor Jahren in einem Interview gelesen und mir ein Beispiel genommen. Schliesslich müssen auch Musikerinnen und Musiker ohne Label und grosse Bühne leben können, fand ich. Und wenn es mir nicht gefällt, was sie so spielen, verzückt es bestimmt jemand anderes.

Also habe ich im Vorbeigehen gerne zu ihrem Einkommen beigetragen, zugegebenermassen, ohne die Musik wirklich zu beachten.

Dann kam Corona. Als Fussgänger­zonen-Anwohnerin teile ich mir im Homeoffice quasi den Arbeitsort mit den Strassen-Performern. Doch das ist nicht kompatibel, wie ich feststellen musste.

Die Repertoires des Gitarren-Ensembles, der Operetten-Sängerin, des Klavierspielers und des Harfen-Zupfers sind nämlich winzig, bei den meisten geht das gleiche Konzert nach 10 Minuten wieder von vorne los. Sind sie den ganzen Tag in der Stadt unterwegs, und damit vielleicht viermal direkt vor meinem Fenster, weiss ich bis am Abend über die Qualität ihrer Kunst Bescheid. Und diese ist leider oft überhaupt nicht so toll, wie es beim Vorbeigehen scheint.

Ich möchte mir aber von Corona nicht die Illusion nehmen lassen. Vielleicht müssen diese Talente ja nur gefördert werden. Also stecke ich morgen wieder einen Zweifränkler ein. Und gehe zum Arbeiten ins Büro.

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