Papa-Blog: Seit meine Tochter spricht, höre ich ein seltsames Summen

Kinder können unsere Wahrnehmung verändern. Und das kann ärgerlich sein.

Adrian Lemmenmeier-Batinić
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Bild: Getty

Meine bald zweijährige Tochter hegt eine seltsame Hassliebe. Und zwar gegenüber einem orangen Etwas, das an meinen Papatagen mehrere Male an unserem Haus vorbeirauscht. Die Rede ist von dieser insektenähnlichen Maschine mit rotierenden Rundbürsten und nach unten gerichteten Spritzdüsen, die die städtischen Strassen sauber macht. Eigentlich hat unsere Kleine Angst vor dieser Putzmaschine. Wenn sie unverhofft um die Ecke kommt, flieht das Kind in die väterlichen Arme. Und wartet bang, bis das Ungetüm ausser Sichtweite ist.

Bild: Rolf Mueller

Zu Hause aber, in der Sicherheit des dritten Stockwerks, fasziniert das Gefährt. «Putzmaschine», beliebt das Töchterlein in die gemütliche Stille eines verregneten Nachmittags zu schreien, worauf ich jeweils ungläubig die Brauen hebe. Erst ein Blick aus dem Fenster vermag zu überzeugen: Tatsächlich schlurft diese fahrende Mülltonne in der Ferne über die Strasse wie eine Garnele über den Meeresboden, saugt den Dreck auf und verbreitet dabei einen besonderen Summton: höher als den eines Staubsaugers, tiefer als den der Stechmücke. Unser Töchterlein kann dieses Surren trotz geschlossener Fenster aus Hunderten anderen Alltagsgeräuschen herausfiltern. Dann ruft sie: «Putzmaschine» – und wir gehen ans Fenster und schauen Putzmaschine.

Anfänglich war ich ob des sensiblen Gehörs meiner Tochter erfreut. Doch mittlerweile hat sie mich so oft an verregneten Vatertagen auf die Putzmaschine aufmerksam gemacht, dass ich das Summen selber schon wahrnehme, ehe die saugende Garnele am Horizont auftaucht. Wie ein lästiger Tinnitus pfeift mir die städtische Putzmaschine durch die Ohren. Und auch der übrige Strassenlärm ist präsenter, seit das Töchterlein sprechen kann. Sie kommentiert das leise Rauschen der Motoren nämlich gern (und korrekt) mit «Töff», «Bus», «Flugi» oder «Helikopter».

Nun, wirklich schlimm ist das nicht. Zeigt aber, wie Kinder unsere Wahrnehmung beeinflussen – und den Blick für Dinge schärfen, die wir gar nicht mehr bemerken, weil sie sowieso immer da sind. Dazu gehören ja auch saubere Trottoirs, denk ich mir jeweils, wenn ich ob der Putzmaschine wieder die Brauen hebe.

Der Autor

Adrian Lemmenmeier-Batinić ist seit 22 Monaten Vater einer Tochter. Er wohnt mit seiner Familie in St.Gallen.

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