Papa-Blog
Es braucht mehr Annalena Baerbocks auf dieser Welt!

Sie hat zwei kleine Kinder und will deutsche Kanzlerin werden. Die Kandidatur der Grünen-Politikerin ist eine gute Nachricht in Sachen Gleichstellung, gerade auch für uns Männer.

Jürg Ackermann
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Annalena Baerbock bei einer Pressekonferenz in Berlin.

Annalena Baerbock bei einer Pressekonferenz in Berlin.

Bild: Kay Nietfeld / dpa

Annalena Baerbock bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Als sie vor einem Monat von Anne Will mit kritischen Fragen bombardiert wurde, umschiffte sie jede Klippe, blieb cool und freundlich – selbst bei der Frage, ob sie sich als Quotenfrau fühle. Die «Süddeutsche Zeitung» schrieb hinterher: «Baerbock parierte die Fragen wie eine Grossmeisterin im Fechten.»

Man muss längst nicht alle politischen Positionen von ihr teilen, um festzustellen, dass sie eine Vorreiterin für die Gleichstellung werden könnte: Sollte die 40-jährige Politikerin im Herbst die mächtigste Frau Europas werden, wäre sie nicht nur die erste Grünen-Kanzlerin, sondern auch die erste mit kleinen Kindern. Schon kurz nach der Nominierung stellte sie klar, dass sie auch als Kanzlerin «Mutter bleibe». Gegenüber der «Bild»-Zeitung präzisierte sie letzte Woche, dass sich aber ihr Partner hauptsächlich um die beiden Töchter (9/5), um Kita, Schule, Hausaufgaben, Pausenbrote und Haushalt kümmern würde, sollte sie gewählt werden.

Ähnlich war das letztes Jahr auch bei Laura Bucher, die als erste Mutter von kleinen Kindern den Sprung in die St.Galler Regierung schaffte. Auch hier ist es der Mann, der sich hauptsächlich um Haushalt und Nachwuchs kümmert. Dass solche Karrieren, die noch zur Generation unserer Eltern undenkbar waren, jetzt möglich sind, ist aus vielen Gründen erfreulich.

Die Männer leisten mehr fürs Familieneinkommen

Eine Kanzlerin Baerbock könnte ein Vorbild für Mütter werden. Dass es eben doch geht, Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen, wenn die Umstände stimmen.

Das ist auch eine gute Nachricht für uns Männer. Denn noch immer lastet in sehr vielen Paarkonstellationen die Verantwortung fürs Familieneinkommen hauptsächlich auf unseren Schultern.

Das mag in vielen Fällen gewollt sein, kann aber auch belasten. Denn diese Männer wissen: Sie müssen ihren Job unbedingt behalten, sonst gerät das Familienbudget in Schieflage und der Lebensstandard ist bedroht. Etwas Neues zu wagen und eine Lohneinbusse zu riskieren, liegt oft nicht drin. Das wäre nur möglich, wenn Frauen bereit sind, einen ähnlich hohen oder höheren Anteil fürs Familieneinkommen beizusteuern.

Es ist einfach, den Rahmenbedingungen die Schuld in die Schuhe zu schieben

Dabei wären die Voraussetzungen dafür eigentlich gegeben. Junge Frauen sind heute oft besser ausgebildet als junge Männer. In vielen Studiengängen sind sie in der Mehrheit.

Noch nie hatten junge Frauen so gute Berufschancen wie heute.

Dass sie sich dann, sobald die Kinder da sind, mit einem 20- oder 40-Prozent-Pensum zufriedengeben oder gar keiner Erwerbsarbeit mehr nachgehen, ist nur schwer nachvollziehbar.

Es ist deshalb gut, dass das Bundesgericht vor zwei Monaten in einem kontrovers diskutierten Urteil zum Schluss kam, dass das in der heutigen Zeit eigentlich nicht mehr geht. Es entschied, dass Ex-Partnerinnen künftig weniger Unterhaltszahlungen erhalten sollen und bei einer Trennung grundsätzlich jeder für sich selber sorgen müsse. Das Gericht sendete damit ein untrügliches Signal in Richtung Gleichstellung.

Zuweilen argumentieren Familien, dass es sich wegen der hohen Krippenkosten in der Schweiz gar nicht lohne, wenn beide arbeiten. Das ist jedoch ein kurzsichtiges Argument. Denn schon mit vier Jahren gehen die Kinder in den Kindergarten und ein Grossteil der Kosten fällt weg. Zudem ist es eine Investition in die Zukunft, wenn Frauen auch mit kleinen Kindern zumindest in Teilzeit in ihrem Beruf bleiben, um den Anschluss nicht zu verpassen.

Es ist immer einfach, den Rahmenbedingungen die Schuld für alles Rückständige in die Schuhe zu schieben. Doch oft würde es schon genügen, die Einstellungen zu verändern. Für mehr Gleichberechtigung, für mehr Frauen in Führungspositionen braucht es deshalb vor allem mehr Baerbocks oder Buchers, die sagen: «Ich traue mir das zu, ich mach das. Dass ich kleine Kinder habe, ist kein Hindernis, sondern eine Bereicherung.»

Und Männer, die dahinterstehen und bereit sind, Socken zu sortieren und die Kinder in die Musikstunde zu fahren.

Viele Wege stehen heute offen, denn die Faktenlage ist fast schon erdrückend. Expertinnen und Experten sind sich einig, dass gemischte Teams erfolgreicher sind. Der Druck auf Firmen, in der Führung mehr Diversität zuzulassen, wird zu Recht weiter steigen. Das kommt letztlich auch den Vätern zugute, die nicht nur Zeit im Büro, sondern auch mit ihren Kindern verbringen wollen.

Eine Fährenfahrt nach Friedrichshafen

Ich hatte diesbezüglich vor Jahren eine eindrückliche Begegnung mit einer älteren Frau auf der Fähre nach Friedrichshafen. Meine Kinder waren damals fünf und zwei. Der Ältere quengelte, weil er unbedingt eine Bretzel wollte, der Kleine hatte die Windel voll und ich wusste gerade nicht, was ich zuerst machen sollte. Die ältere Frau sprach mich an. «Das war zu unserer Zeit leider nicht möglich», sagte sie fast schon wehmütig. «Dass sich die Väter so um die Kinder kümmern und mit ihnen unter der Woche verreisen.»

Zu Besuch bei Tiger Viktor im Walter-Zoo.

Zu Besuch bei Tiger Viktor im Walter-Zoo.

Bild: Urs Bucher
Da wurde mir bewusst: Wir sind wohl die erste Generation von Vätern, die ihre Kinder nicht nur abends oder kurz über Mittag sieht. Die für sie kochen. Sie trösten, wenn sie traurig von der Schule kommen.

Die dank Teilzeitmodellen auch mal am Dienstagvormittag auf dem Spielplatz stehen und der Mama ein Bild ins Büro schicken mit der Frage, ob es bei ihr auch so spannend ist wie «bei uns auf der Rutschbahn».

Gerade diese Tage, an denen Väter die alleinige Verantwortung übernehmen, gibt der Beziehung zu den Kindern Tiefe. Ich erinnere mich noch jetzt teilweise an jeden einzelnen Ausflug, den ich mit meinen Söhnen unternahm, als sie noch nicht in die Schule mussten. Die Schifffahrt nach Friedrichshafen, der Skitag auf dem Pizol, die Zugfahrt nach Appenzell, der Besuch bei den Tigern im Walter-Zoo: Sie fühlten sich an wie kleine Abenteuer in dieser grossen Welt.

Jürg Ackermann lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen (9 und 7) in St.Gallen.