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Eingesperrte Kinder im Lockdown – zum Glück macht es die Schweiz anders als Deutschland

In Deutschland sind die Schulen seit Wochen geschlossen, die Kinder können keinen Sport machen, nicht in die Musikschule, sie sehen ihre Freunde kaum. Mit teils fatalen Folgen. Ein Lob auf den Schweizer Corona-Sonderweg aus Elternsicht.

Jürg Ackermann
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Während der zweiten Welle immer offen: Primarschulen in der Schweiz.

Während der zweiten Welle immer offen: Primarschulen in der Schweiz.

Bild: Ennio Leanza/KEY

Die Kinder und Jugendlichen stehen in dieser Coronakrise nicht im Fokus. Zu Recht und zum Glück. Denn schwerste Krankheitsverläufe sind bei ihnen im Gegensatz zur Generation ihrer Grosseltern extrem selten. Wie stark sie das Virus an andere weitergeben, ist unter Experten umstritten.

Und dennoch unterscheiden sich die Wege, die die Länder im Umgang mit Kindern in dieser Krise eingeschlagen haben, stark. Um die fast schon paradiesischen Schweizer Zustände zu erkennen, hilft ein Blick ins umliegende Ausland, beispielsweise nach Deutschland.

Panische Angst vor dem mutierten Virus

Unser nördlicher Nachbar befindet sich seit Wochen in einem viel härteren Lockdown als die Schweiz, vor allem auch die Kinder und Jugendlichen. Sie gehen auch während dieser zweiten Welle nicht in die Schule, sehen ihre Freunde kaum, weil auch die Kindertagesstätten meist zu sind. Sie können nicht ins Fussballtraining, nicht in die Musikschule und schon gar nicht auf die Skipisten.

Wann die Schulen in Deutschland wieder öffnen, ist derzeit völlig unklar. Bundeskanzlerin Angela Merkel würde angesichts der fast schon panischen Angst vor der britischen Corona-Mutation den harten Lockdown am liebsten über Mitte Februar hinaus verlängern.

Kanzlerin Angela Merkel.

Kanzlerin Angela Merkel.

Bild: AP

Was das für die Kinder heisst, konnte man lange Zeit nur erahnen. Nun gibt es jedoch immer mehr auch wissenschaftliche Studien, die sich mit den teils erschreckenden Folgen befassen.

So hat beispielsweise die Uniklinik Münster untersucht, wie sich Kinder und Jugendliche im April und Mai während des ersten Lockdown verhielten. Die Gruppe der Kinder, die sich fast gar nicht mehr bewegten, hatte sich innert kürzester Zeit auf 25 Prozent verfünffacht.

Bei fast der Hälfte der befragten Kinder stieg die tägliche Bildschirmzeit (Konsole, Fernseher, Smartphone, Computer) auf über acht Stunden. Man muss weder ein Kinderpsychologe noch ein Neurologe sein, um abschätzen zu können, dass so viel Bildschirmzeit keinem kindlichen Gehirn gut tun. Diese Tendenzen dürften sich noch verstärken, je länger der Lockdown dauert.

Eine traumatisierte Generation

Was geschlossene Schulen und Kindertagesstätten für einen Stress in Familien auslösen, in denen beide berufstätig sind, kann man sich leicht vorstellen. Teils arbeitet die Mutter tagsüber und der Vater in der Nacht, damit sich jemand um die Kinder kümmern kann.

Schwierig ist die Situation jedoch vor allem auch für die Kinder selber. Gerade auch für Lernschwächere, die sich im Homeschooling schwer tun. Sie hängen zu Hause rum, können sich nur schwerlich motivieren, den Schulstoff zu pauken. Einsamkeit und Isolation prägen ihren Alltag. Millionen von Familien und erst recht Alleinerziehende dürften an die Grenze ihrer Kräfte gelangen.

Über diese Nachteile findet jedoch kaum eine öffentliche Debatte statt. Vielleicht darum, weil sich die Folgen nicht wie die Infektionen mit Kurven und Zahlen messen lassen und erst in Ansätzen erkennbar sind.

Roland Frischkorn, der Vorsitzende des Sportkreises Frankfurt, formulierte es in einem Interview mit der «FAZ» so:

Was die Langzeitfolgen für Kinder angeht, ist die Politik dabei, eine ganze Gesellschaft zu traumatisieren. Und hinterher wundert man sich, dass massenweise Therapeuten gebraucht werden.

Auch in Österreich, wo die Schulen ebenfalls noch geschlossen sind, häufen sich Meldungen über überlastete Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienste.

Diese Pandemiebekämpfung auf Kosten der Jüngsten ist umso erstaunlicher, wenn man verschiedenen Massnahmen miteinander vergleicht. So geht Deutschland in der Homeoffice-Regelung beispielsweise viel weniger weit als die Schweiz.

Chefs misstrauen ihren Angestellten – darum müssen sie ins Büro

Noch im November arbeiteten lediglich 14 Prozent aller Berufstätigen in Deutschland von zu Hause aus, das heisst, Millionen von Pendlern zwängen sich weiter jeden Tag in volle S-Bahnen und Busse, um ins Büro zu fahren. Misstrauen gegenüber Mitarbeitern, überholte Vorstellungen von Führung, Angst vor Benachteiligungen, gewerkschaftliche Skepsis: Der «Spiegel» bezeichnet das als «heilige deutsche Präsenz-Kultur».

Etwas pointiert formuliert: Weil die Politik in Deutschland aus welchen Gründen auch immer nicht willens ist, ein strenges Homeoffice-Regime einzuführen oder mit massivem Testen, die ältere vulnerable Bevölkerung noch stärker zu schützen, sperrt sie die Kinder ein.

Vielleicht ist es so ein Stück weit erklärbar, warum derzeit in Deutschland pro Tag und 100'000 Einwohner trotz der viel strengeren Massnahmen und geschlossenen Schulen fast doppelt so viele Menschen an und mit Corona sterben wie in der Schweiz.

Nicht blind dem Ruf der Alarmisten folgen

In der Schweiz hat sich - im Gegensatz zum ersten Lockdown - für die Kinder fast nichts verändert. Und für viele Familien in der Ostschweiz stehen schon nächste Woche Skiferien vor der Tür, für viele ein Höhepunkt des Jahres. Mit viel frischer Bergluft, Bewegung und Spielen im Schnee. Noch nie dürfte eine Kurvenfahrt auf einer frisch präparierten Piste so stark zum psychischen Wohlbefinden beigetragen haben wie in diesem Corona-Winter, wo vieles andere nicht möglich ist.

Kinder, die sich auf der Skipiste austoben: In der Schweiz möglich, in Deutschland nicht.

Kinder, die sich auf der Skipiste austoben: In der Schweiz möglich, in Deutschland nicht.

Bild: W&O

Wenn wir das unseren Freunden in Deutschland erzählen, halten sie uns abwechslungsweise für verrückt oder wahnsinnig. Als Eltern kann man den pragmatischen Schweizer Corona-Sonderweg jedoch nicht genug loben.

Dass die Politik bei uns bei der Bekämpfung dieser Pandemie weiter differenziert. Dass sie nicht einfach blind dem Ruf der Alarmisten folgt, die am liebsten seit Monaten das ganze Land dicht machen und die Schulen schliessen würden - dafür sind viele Eltern und noch viel mehr Kinder dankbar. Doch man hört sie in diesen vor allem von Katastrophenmeldungen und Ängsten geprägten Corona-Debatten kaum.

Fakt aber ist: Die Kinder gehen bei uns weiter ins Sporttraining, in die Musikschule, sehen täglich ihre Freunde in der Schule. Wenn ihre Klasse nicht gerade in Quarantäne muss, weil eine britische oder südafrikanische Corona-Mutation in ihrem Schulhaus auftaucht, hat sich für sie im Alltag fast nichts verändert. Aus Kinder-, aber auch aus Elternsicht ist das ein Glück, ein fast unfassbares Glück in dieser Krise, die nun schon viel zu lange dauert.

Der Autor

Jürg Ackermann lebt mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen (9 Jahre, 7 Jahre) in St. Gallen.

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