Kolumne
Papa-Blog: Wundersam verwunschen – eine Hommage an den unheimlichsten Spielplatz der Ostschweiz

Gute Spielplätze sind mehr als Klettergerüste auf Holzschnitzeln: Sie vereinen Dinge, die im öffentlichen Raum sonst nicht zusammenkommen. Einem Spielplatz in St.Gallen gelingt das auf ganz besondere Weise.

Adrian Lemmenmeier-Batinić
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Meine zweijährige Tochter fährt fürs Leben gerne Zug. Nicht, weil sie fasziniert wäre von Fahrplänen, Rollmaterial oder der Lochzange des Kondukteurs. Sondern weil sie den Spielwagen liebt. Und ich liebe ihn auch. Von St.Gallen nach Zürich kann ich beinahe ungestört lesen, muss bloss nach jeder dritten Seite «jetz analuägä» oder einen Streit um den besten Platz im Piratenschiff schlichten.

Überhaupt mag ich Spielplätze. In meinem vorväterlichen Erwachsenenleben waren mir diese Orte vollkommen egal. Jetzt verbringe ich dort einen grossen Teil meiner Freizeit. Unzählige Spielplätze habe ich bereits besucht. Einige kann ich eher empfehlen als andere. Einer aber verdient eine besondere Würdigung. Er liegt in St.Gallen, vor den dicken Mauern der kantonalen Verwaltung, überschattet von riesigen Bäumen, eingetaucht in das satte Grün einer ewig feuchten Wiese, in der Parkanlage einer 1865 erbauten Villa.

Einst ein englischer Landschaftsgarten, heute ein Spielplatz.

Einst ein englischer Landschaftsgarten, heute ein Spielplatz.

Bilder: al

Hier gibt es nicht nur die wohl längste Rutschbahn der Stadt, zwei Klettertürme, eine Korbschaukel und sehr viel Platz. Sondern auch ganz ein besonderes, verwunschenes Flair. Im 19. Jahrhundert befand sich hier ein grosser englischer Landschaftsgarten, mit exotischen Bäumen und verschlungenen Wegen. Seit Mitte der 1990er-Jahre klettern die Fantasiegestalten der Bildhauerin Eva Lips aus den Parkmauern: Frösche, Echsen, Kobolde. Auf der Blumenwiese stehen abgesägte Baumstämme wie Marterpfähle. Und zuoberst am Klettergerüst prangt ein hölzerner Totenkopf. Ich kenne keinen Ort im öffentlichen Raum, an dem sich Leichtigkeit und Unbehagen, Heiterkeit und Horror, Kindheit und Tod derart nahe sind.

Am Eingang zum Spielplatz windet sich ein koboldartiges Wesen aus der Mauer.

Am Eingang zum Spielplatz windet sich ein koboldartiges Wesen aus der Mauer.

Wer bis nach oben klettert, erreicht den Totenkopf.

Wer bis nach oben klettert, erreicht den Totenkopf.

Klettergeräte wie Marterpfähle.

Klettergeräte wie Marterpfähle.

Heiterkeit und Horror auf dem Spielplatz. Sogar der Baum scheint zu grinsen.

Heiterkeit und Horror auf dem Spielplatz. Sogar der Baum scheint zu grinsen.

Passend dazu scheint das städtische Gartenbauamt hier nicht mit Laubbläser, Heckentrimmer und Nagelschere zu wüten, sondern begegnet dieser Freiluftgeisterbahn mit der Nachlässigkeit, die ihr gebührt. So verschwindet etwa die Treppe neben der Rutsche zusehends im Dickicht.

Wunderbar vernachlässigt: die Treppe neben der Rutschbahn.

Wunderbar vernachlässigt: die Treppe neben der Rutschbahn.

Gfürchig steil: die Rutsche im St.Galler «Gruselpärkli».

Gfürchig steil: die Rutsche im St.Galler «Gruselpärkli».

Natürlich misst sich ein Spielplatz nicht bloss daran, dass er schön eingebettet im Grünen liegt und mit Riesenrutsche und Gruselaura aufwartet. Gute Kinderspielplätze sind mehr als Klettergerüste auf Holzschnitzeln unter schattenspendenden Bäumen. Sie erfüllen vielmehr jene soziale Funktion, die man gern Fussballvereinen oder dem Militär nachsagt: Hier kommen Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammen, die sich sonst nicht treffen würden. Im Gegensatz zum Militär sind auch Personen ohne Schweizer Pass dabei – und Vertreter verschiedener Generationen.

Dieses St.Galler Gruselpärkli erfüllt diesen Anspruch auf seine eigene Weise. Zwar bin ich hier mit meinem Töchterlein oft allein. Dennoch gibt es kaum einen anderen Ort, der vergleichsweise unterschiedliche Generationen zusammenbringt. Begibt man sich nämlich am Freitagabend vor dem Eindunkeln ein letztes Mal auf die Rutsche, trifft man gern auf Teenager, die ihre Bierdosen zischen lassen, Musik hören und sich auf das Nachtleben einstimmen. Und wer genau hinschaut, während er sein Kindlein schaukelt, sieht, dass im Gebüsch immer auch Vertreter früherer Generationen beiwohnen. Der eine Grabstein datiert von 1894, der andere von 1902.

Memento mori auf dem Kinderspielplatz: zwei Grabsteine neben der Schaukel.

Memento mori auf dem Kinderspielplatz: zwei Grabsteine neben der Schaukel.

Der Autor

Adrian Lemmenmeier-Batinić ist seit zwei Jahren Vater einer Tochter. Er wohnt mit seiner Familie in St.Gallen.

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