Kolumne
Papa-Blog: Wieso Kinder ihren Eltern Ärger ersparen

Wer Kinder hat, lernt, mit dem Unmöglichen zu rechnen. Das entspannt.

Adrian Lemmenmeier-Batinić
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Symbolbild: Getty

Manchmal glaube ich, meine Tochter sei besonders begabt. Nicht, weil sie für ein zweijähriges Wesen ziemlich flüssig plappert oder Dinge hört, die ich nicht wahrnehme. Sondern weil sie sich scheinbar auch im Schlaf orientieren kann. Wenn die Kleine nämlich unterwegs einnickt, schläft sie selig wie ein Klotz – trotz Strassenlärm, Föhnsturm oder Feuerwerk. Sobald ich aber mit dem Kind im Arm die Schwelle in unsere Wohnung übertrete, öffnet sie die Äuglein, verlangt ihre Hausschuhe und will spielen.

In einem solchen Moment nimmt sie mir die berechtigte Hoffnung auf einige Minuten Ruhe. Doch Hoffnung ist im Umgang mit Kindern eben selten berechtigt. Denn oft kommt alles anders als erwartet. Dringende WC-Gänge erfolgen gern dann, wenn man gerade auf den Zug will. Auch nimmt mit dem Zeitdruck scheinbar systematisch der Widerstand beim Anziehen von Kleidern und Schuhen zu. Und als ich kürzlich der Kleinen erlaubte, ihr Trottinett zum Einkaufen mitzunehmen, sass ich eine Stunde später vor der Migros auf einer Bank. Mit einem Rucksack voller Lebensmittel, einer Packung Windeln, einem Trottinett und einem tief schlafenden Kind im Arm – und fragte mich, wie ich das alles wohl wieder nach Hause transportiere.

Wer Kinder hat, lernt solch unerwünschte Eventualitäten einzukalkulieren. Wenn diese dann eintreten, ist man weniger darüber verärgert, dass die Dinge nicht funktionieren wie erwartet, sondern freut sich gar ein bisschen über seine Weitsicht: «War ja klar, dass nichts läuft wie geplant», sagt man sich, «hab ich’s doch gewusst». Eine durchaus nützliche Lebensschule, gerade in einer angespannten Weltlage wie der jetzigen.

Mit allem kann man allerdings nicht rechnen; ist doch die kindliche Kreativität um Meilen weiter als der elterlicher Erfahrungshorizont. Ein befreundeter Vater erzählte mir neulich, wie sein Junior, einige Minuten aus den Augen gelassen, sämtliche Magnete vom Kühlschrank riss, sie zu einem grossen magnetischen Klotz zusammenziehen liess, diesen ins Badezimmer trug und im Klo versenkte. Unsere Tochter erstaunte mich, als sie sich in den Ferien bei der Besichtigung einer Kirche auf den kalten Steinboden setzte und ihre Schuhe auszog. Ganz so, als wäre sie bei jemandem zu Hause. In einer Moschee hätte sie alles richtig gemacht.

Der Autor

Adrian Lemmenmeier-Batinić ist seit zwei Jahren Vater einer Tochter. Er wohnt mit seiner Familie in St.Gallen.

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