Kolumne
Papa-Blog: Wieso Eltern besser nicht nach Glück streben

Kleinkinder machen ihre Eltern glücklich. Danach nimmt deren Zufriedenheit einer Studie zufolge ab. Und wenn schon.

Adrian Lemmenmeier-Batinić
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Symbolbild: Getty

Wieso um alles in der Welt zeugen wir eigentlich Kinder? Vor gut einem halben Jahr habe ich zu dieser Frage einen Beitrag geschrieben. Und darin auch eine Grafik aus einer soziologischen Langzeitstudie der Universität Marburg gezeigt, die mir kürzlich wieder in den Sinn gekommen ist. Sie bildet die durchschnittliche Zufriedenheit von Menschen ab, die Kinder haben. Und zeigt, dass deren Zufriedenheit abnimmt, wenn das Kind älter wird. Nach dem zweiten Geburtstag des Kindes rutscht sie in den Keller.

Quelle: SOEP/Martin Schröder; Grafik: Lea Siegwart

In den Sinn gekommen ist mir diese zittrige Kurve, weil wir unserer kleinen Familie kürzlichen einen besonderen Moment zelebrierten. Nämlich den zweiten Geburtstag unserer Tochter. Ich werde ihn schon deshalb nicht vergessen, weil er pandemiebedingt ohne andere Kinder und somit angenehm ruhig vonstatten ging. Nicht so schnell vergessen werde ich auch den Blick der Kleinen, als wir ihr eine üppige Torte zutrugen, Happy Birthday anstimmten und auf unseren Stühlen im Takt wippten. Die volle Ladung Zuneigung, die sie in diesem Moment genoss, vermengte sich in ihren funkelnden Äuglein zu einem Ausdruck unhinterfragten, herrlich-naiven, hochkonzentrierten Glücks.

Und genau mit Glück soll es nun bei uns Eltern nun langsam vorbei sein? Besagte Statistik suggeriert es. Was also tun? Ist doch klar: Zerreden! Was sagt schon die Zufriedenheit irgendwelcher Studienteilnehmer über die eigene? Glück ist eine enorm individuelle Grösse. Und messen wir es sich nicht zwangsläufig auch an einem gesellschaftlichen Rahmen, der uns vorgibt, was scheinbar glücklich macht? Wenn wir also selber nicht genau sagen können, was uns glücklich macht, wie wollen wir dann das Glück anderer auf das eigene übertragen? Und überhaupt: Was sagen uns Durchschnittswerte, wenn wir wissen, dass jedes Leben eine höchst individuelle Bahn nimmt?

Und ist Glück nicht ohnehin überschätzt? Oder, um es mit den Worten des Philosophen Slavoj Žižek zu sagen: «Why be happy, when you can be interesting?!» Gilt auch für Familien.

Der Autor

Adrian Lemmenmeier-Batinić ist seit zwei Jahren Vater einer Tochter. Er wohnt mit seiner Familie in St.Gallen.

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