Kolumne
Papa-Blog: Wieso die ersten Worte über Menschen wenig Sinn ergeben – eine Analyse postnataler Glückspost

Kommt in unserem Kulturkreis ein Kind zur Welt, erhält sein Umfeld ein Kärtchen mit Gewichtsangabe, Grösse und Glücksbekenntnis. Was daran albern ist.

Adrian Lemmenmeier-Batinić
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Bild: Alamy

Klaus Olaf* sieht aus wie eine Praline. Arme und Beine sind mit einem Tuch zu einem Bündel gewickelt, gehalten von seidenen Maschen. Allein das Köpfchen des Neugeborenen lugt aus dem Stoffballen, der Mund halb offen, die Äuglein noch verklebt. «Manchmal ist das Kleinste das Grösste», steht in gedruckter Schnürlischrift links vom Bild. Rechts davon heisst es zwischen zwei Blumen: «Klaus Olaf, 04.37 Uhr, 51 Zentimeter, 3340 Gramm. Wir sind überglücklich.»

So oder ähnlich sehen viele dieser Kärtchen aus, die hierzulande nach der Geburt eines Menschen in die Briefkästen flattern. Bezüglich Design und Wortwahl gibt es freilich Unterschiede. So scheinen Klaus Olafs Eltern die Werke der australischen Fotografin Anne Geddes zu mögen, die mit ihren grauenhaft-niedlichen Bildern von Babys in Blumentöpfen weltberühmt wurde. Die Geburtsanzeige von Valerian Joe* hingegen sieht aus wie die Getränkekarte einer Szenenbar, die seine Eltern wohl zu eröffnen trachten. «GEBOREN AM VIERZEHNTEN AUGUST ZWEITAUSENDZWANZIG», steht da, gedruckt in Helvetica auf beigefarbenem Büttenimitat. Beigelegt ist ein Streifen Schwarz-Weiss-Fotos, wie ihn Passbildautomaten in den Neunzigerjahren ausspuckten.

Bild: Getty

Andere Eltern verzichten auf Fotos, verwenden Symbole der Kindheit wie den Teddybären, das Schaukelpferd, den Storch oder den Abdruck einer winzigen Hand. Sehr beliebt sind bare Babyfüsse. Füsse in grossen Männerhänden, Füsse auf dem Mamabauch, Füsse auf dem Lammfell, Füsse neben Elternfüssen. Verschont mich mit euren Füssen! Die Eltern von Frida Mira* hingegen mögen es schlicht. Allein der Name des Kindes prangt weiss auf hoffnungsvollem Grün. Dafür ist das Papier robuster.

Bei allen unterschiedlichen Vorlieben für das Äussere: Inhaltlich sind die allermeisten Geburtskarten gleich. Einige Elemente gehören quasi zum Stehsatz der ersten geschriebenen Texte über Menschen. Dazu zählen bemerkenswert viele Zahlen. Kaum eine postnatale Glückspost kommt ohne Datum, Uhrzeit, Gewicht und Grösse des Neugeborenen daher. Freilich, das Datum mag nützlich sein, um den Kindergeburtstag gleich in den Kalender einzutragen. Und die Uhrzeit erinnert an die Tatsache, dass mehr Kinder nachts zur Welt kommen als tagsüber (was scheinbar damit zu tun hat, dass der Stress des Alltags die Wehen zurückhält). Was aber bitte schön soll man mit 3230 Gramm und 49 Zentimetern anfangen?

Masse und Grösse mögen zu den wenigen Dingen gehören, die sich einem neugeborenen Menschen zuschreiben lassen. Schliesslich haben frisch geschlüpfte Wesen noch keine besonderen Eigenschaften: Hübsch sind die wenigsten, niedlich sind sie alle. Ihr Dasein zu quantifizieren, ist der merkwürdig Versuch, diesen unbeschriebenen Blättern den Stempel der Individualität aufzudrücken. Das ist albern, zumal Grösse und Gewicht nichts Relevantes über Menschen aussagen. Wenn dem so wäre, würden wir wohl in Todesanzeigen schreiben: «Gerda Hufenus, 68 Kilogramm, 171 Zentimeter, wir sind in tiefer Trauer.»

Ebenso fix zu einer Geburtskarte gehört das Wörtchen Glück. Wie aber passen die fast ausnahmslos «überglücklichen» Absender mit der Tatsache zusammen, dass über 40 Prozent der Mütter einen Babyblues erleben – und über 10 Prozent der Mamas und Papas eine postpartale Depression? Sind sie wirklich überglücklich, wenn sie den Stapel von Hand unterschriebener Kärtchen zur Post tragen? Oder spiegeln die Anzeigen eher eine soziale Erwartung? Schicken Eltern der Gesellschaft jenes Glück zurück, das diese ihnen diagnostiziert hat? Wer gesunde Kinder hat, ist überglücklich. Basta. Erfrischend wäre deshalb eine Karte mit derartigem Wortlaut: «Wir schlafen kaum, heulen oft, 29. April, nachts, Klaus Olaf.»

* Namen geändert, aber den Originalen nachempfunden.

Der Autor

Adrian Lemmenmeier-Batinić ist seit zwei Jahren Vater einer Tochter. Er wohnt mit seiner Familie in St.Gallen.

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