kolumne
Papa-Blog: «Weisch no?» Wie mein Sohn die Vergangenheit schrumpft

Kinder leben im Jetzt. Das Gestern haben sie längst vergessen, das Morgen ist weit weg. In unserer Familie zeigt sich das beispielhaft an nur zwei Worten.

Roger Berhalter
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«Weisst du noch, wie ich damals auf dem Weg ausgerutscht bin?»

«Weisst du noch, wie ich damals auf dem Weg ausgerutscht bin?»

Bild: Getty

«Weisch no?» Mit diesen Worten beginnen Grosseltern, von früher zu erzählen. Oder Eltern, wenn sie sich an ihre Hochzeit erinnern. «Weisch no?», das klingt auch nach einer Sendung im Schweizer Fernsehen, in der ein junger Moderator mit einem Kamerateam in irgendein Kaff ausschwärmt, um die Alten im Dorf zu fragen, wie es früher einmal war.

Es war einmal Bugs Bunny

Bei meinen Kindern ist das ganz anders. Wenn mein Sechsjähriger «Weisch no?» sagt – und das tut er im Moment sehr oft – dann meint er damit die unmittelbare Vergangenheit: «Weisch no, vor fünf Minuten?» Wenn er einen Bugs-Bunny-Trickfilm geschaut hat, fragt er danach: «Weisch no, dä Bugs Bunny?» Wenn er im Schnee ausrutscht und auf den Hintern fällt, fragt er, kaum steht er wieder: «Weisch no, dä rutschig Wääg?» Und der Vater denkt:

Ja, mein Sohn, ich weiss das noch. Es ist erst fünf Minuten her.

«Weisch no?» Zwei Worte nur, aber sie zeigen, wie sehr die Kinder im Moment leben und wie wenig ihnen abstrakte Konzepte wie Vergangenheit und Zukunft sagen. Es gibt für sie nur das Jetzt und kein Morgen, das Gestern ist längst vergessen. Schon was vor fünf Minuten war, wird erinnert, weil: Es war ja früher.

Carpe diem und so

The time is now. Carpe diem. Lebe im Moment. Als Erwachsener kennt man diese Sprüche, die dazu motivieren sollen, das Jetzt zu geniessen und sich nicht wegen morgen zu sorgen. Als Vater eines «Weisch no?»-Kinds kann ich zusätzlich empfehlen, diese Formulierung entsprechend zu übernehmen. So schrumpft die Vergangenheit nämlich auf wenige Stunden oder gar Minuten zusammen, was befreiend ist.

Und später, im Altersheim vielleicht, kann ich die Vergangenheit immer noch ausdehnen. Dann werde ich mich an diese Zeit erinnern: «Weisch no, als mein Sohn immer ‹Weisch no?› sagte?»

Der Autor

Roger Berhalter lebt mit seiner Frau und den zwei Söhnen (6 und 8 Jahre) in der Stadt St.Gallen. Er teilt sich mit seiner Partnerin die Erwerbs- und Hausarbeit. Am Backofen aber ist er der Chef.

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