Kolumne
Papa-Blog: Mozart, Beethoven und die Schlümpfe

Es hat etwas Magisches, mit Kindern vor dem Einschlafen klassische Musik zu hören. Finden zumindest die Eltern.

Ralf Streule
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Klimpern oder Klavierspielen?

Klimpern oder Klavierspielen?

Begonnen hatte es ziemlich vielversprechend. Als unser ältester Sohn mit fünf Jahren sein erstes «Schulfreunde»-Buch ausfüllte, schrieb er unter der Rubrik «Lieblingsmusik» mit krakeliger Schrift: «Mozart». Was hochtrabend tönt, hat einen banalen Hintergrund. In der Woche zuvor war der Bub mit einem Tip-Toi-Stift ziellos über eine Europakarte gestreift und war in Österreich gelandet. «Der grosse Komponist Wolfgang Amadeus Mozart stammt aus Salzburg in Österreich», sagte die Stiftstimme. Eine scheppernde «kleine Nachtmusik» wurde nachgeliefert.

Musik wiederentdecken dank den Kindern

Was uns auf die Idee brachte, mit den Buben einige weitere Mozartstücke zu hören. Die Kinder lauschten - und wenn immer in der darauffolgenden Zeit klassische Musik ertönte, war ihnen klar: «Mozart!» Wir Eltern entdeckten in jener Zeit die klassische Musik von neuem, vor allem jene Mozarts (was für ein Klarinettenkonzert!) - während bei den Kindern das Interesse längst wieder abgeklungen war.

Hätten wir damals auf einen Hauch von klassisch-musikalischer Genialität bei unserem Sohn gehofft, wären wir enttäuscht worden. Inzwischen klingt hin und wieder der Popschlager «Petra Sturzenegger» von der «Stubete Gäng» aus dem Zimmer (Danke Gotti für die CD). Oder der Bub wünscht sich auf Spotify irgend so einen deutschen Vorpubertäts-Rap, den die coolsten Kollegen der Schule hören. Und der mittlere Sohn stellt den Fernseher immer dann laut, wenn die synthetischen Schlumpf-Stimmen das lüpfige Intro singen.

«Hat's Dir gefallen?» - «Nein.»

Doch auch beim mittleren Sohn gab's die kleine magische Klassik-Minute. Als er an einem Instrumenten-Ausprobier-Nachmittag der Musikschule am Cello sass und den Bogen über die Saiten fahren liess, schloss er die Augen, lauschte anscheinend entrückt dem warmen Ton. «Das hat dir gefallen, gell?», fragte ich. – «Nein.» Das Thema war erledigt. Er wolle dann schon einmal ein Instrument lernen, sagt er manchmal. Meistens zieht er dabei gleichzeitig die Tschuttschuhe an.

Mani Matter verbindet

Musik mit Gehalt ist dennoch hin und wieder Thema. Eine Riesenfreude für uns Eltern ist die Kinderfreude an Mani Matter. Auch den Liedermacher entdecken wir dank den Kindern von Neuem. «Dr Alpeflug» ist immer wieder auf der Wunschliste der Buben, aber auch «dr Wilhälm Täll» oder ds Zündhölzli. Eindrücklich für uns Eltern ist, wie Matters Lieder für Kinder wie Erwachsene gleichermassen funktionieren. Mani Matter, zeitlos, einfach und gleichzeitig wahnsinnig gescheit. Schön, gefällt es auch den Kindern, bald 50 Jahre nach Matters Tod.

Und ja, auch die Klassik lässt die Kleinen nicht ganz kalt. Eine unfassbar gute Methode, hibbelige Kinder wieder auf den Boden zu bringen, ist Chopin. Was nach «Gschpürschmi» tönt, ist tatsächlich so. Ein Bub nach zwei Minuten «Petra Sturzenegger» ist definitiv ein anderer als nach zwei Minuten «Nocturnes»-Klavierkonzert. Ein Kollege aus alten Zeiten hat mir das Stück gesendet: «Joie de Vivre». Er ist Lehrer. Und weiss die Wirkung wohl im Schulzimmer zu schätzen.

Göttliche Sphäre und irdisches Jammertal

Ein bisschen Interesse an Klassik hat unser ältester Sohn nun wieder von der Schule mit nach Hause gebracht. Musikunterricht mit Bach, Beethoven - und wieder Mozart. Und mit Smetanas Moldau, die dem Kleinen so gefällt. Musik, so eingängig wie imposant, wie wir beim Wiederentdecken staunen. In der Schule hatten sie die Augen schliessen und erzählen müssen, welche inneren Bilder während des Hörens auftauchen, sagt der Sohn.

Neben Beethoven und Mozart gebe es auch noch Richard Wagner, habe er gehört, sagt der Bub an einem Abend. Spotify schlägt vor: «Prelude, Lohengrin». Ich lasse es vor dem Zubettgehen laufen. Wir übernehmen die Idee der Musiklehrerin, schliessen die Augen. «Was seht ihr?», frage ich. «Ein Mann, der im Regen spaziert, in der der Ferne leuchtet der Sonnenuntergang.» Da ist sie wieder, die Magie! «Und du?», frage ich den anderen Buben.

«Ich sehe einen Schlumpf, der hinter einem Baum hervor schaut.» Göttliche Sphäre und irdisches Jammertal - das soll auch bei Lohengrin Thema sein.

Der Autor

Ralf Streule lebt mit seiner Frau und seinen drei Söhnen (9 Jahre, 6 Jahre und 1 Jahr) in Goldach. «Sie können nur Buben», sagt der Kinderarzt.

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