Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Kommentar

Ohne Serben: Wie typisch schweizerisch ist Schwingen wirklich?

Der Schwingsport boomt. Das hat viel mit der Sehnsucht nach Events in unserem Land zu tun und mit unseren ausländischen Mitmenschen, findet Schriftsteller Pedro Lenz.
Pedro Lenz
Autor Pedro Lenz.

Autor Pedro Lenz.

Am letzten Mittwoch spielten die Berner Young Boys im ausverkauften Stade de Suisse gegen Roter Stern Belgrad. Es war ein grosser Sportanlass oder, um es in der Sprache der Gegenwart zu sagen, ein Mega-Event.

Auf dem Platz und auf den Rängen befanden sich Leute verschiedener Nationalitäten. Zuweilen sangen die Fans aus Belgrad lauter als das Heimpublikum. Beim Anstehen für das Pausenbier hörte ich einen Zuschauer zum anderen sagen, er freue sich unheimlich auf das Eidgenössische in Zug. Die Stimmung dort sei dann sicher mindestens so gut wie hier. Und erst noch ohne Serben.

Dass sich das alle drei Jahre stattfindende Eidgenössische Schwing- und Älplerfest mit jeder Austragung noch grösserer Beliebtheit erfreut, dürfte vielen aufgefallen sein. Entsprechend wächst der Ansturm auf die Eintrittskarten von Fest zu Fest. Sogar für die Schwinger selbst ist es schwierig, an Tickets für ihre Angehörigen heranzukommen.

Überdies steigt auch die ökonomische Bedeutung des Schwingsports kontinuierlich. Auf der Aussentafel einer Oltner Metzgerei wird seit einiger Zeit ein «Schwinger-Steak» angepriesen. TV-Werbespots und Werbekampagnen aller Art bringen in diesen Wochen irgendwelche Produkte in einen mehr oder weniger weit hergeholten Zusammenhang zum Schwingsport. Das Fest-OK selbst verkauft auf seiner Website Merchandising-Produkte aller Art. Von der Gürteltasche bis zur Sonnenbrille fehlt nichts, was den Aufenthalt in der Arena verschönern könnte.

Als Aussenstehender bekommt man leicht den Eindruck, das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest, kurz ESAF, erlebe einen langanhaltenden und wachsenden Boom, dessen Ende nicht abzusehen ist. Es ist ein Boom, der längst nicht nur auf die Werbebranche Einfluss hat. Kulturschaffende, Politikerinnen und Politiker, Wirtschaftsgrössen sowie viele andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens bezeugen ihre Liebe zum eidgenössischen Kampfsport.

Pedro Lenz: «Das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest bietet die seltene Gelegenheit, die wachsende Lust auf Mega-Events mit dem wachsenden Bedürfnis des Alleinseins zu verbinden.» (Bild: Urs Flüeler/Keystone)

Pedro Lenz: «Das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest bietet die seltene Gelegenheit, die wachsende Lust auf Mega-Events mit dem wachsenden Bedürfnis des Alleinseins zu verbinden.» (Bild: Urs Flüeler/Keystone)

Zahlreich sind die Versuche zu erklären, weshalb der Schwingsport, der über Jahr eine regional und sozial beschränkte Ausstrahlung hatte, nun in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Was musste geschehen, damit der ehemalige Turner- und Bauernsport auch im urbanen Milieu derart beliebt werden konnte? Wie erklärt es sich, dass Rock-Festival-Lieblinge wie der Rapper Manillio oder das Popduo Lo & Leduc zum offiziellen Rahmenprogramm des Schwingfests aufgeboten werden?

Die durch den Schwingsport ermöglichte Verbrüderung der eher städtisch-progressiven Musikkultur mit der konservativen Landkultur wird gerne mit der Sehnsucht nach Authentizität begründet. In Zeiten der Globalisierung dränge sich eine Rückbesinnung auf das Echte und
das Eigene geradezu auf, erklären uns soziologisch oder psychologisch geschulte Fachleute. Das Reine und Unverfälschte werde besonders dann gesucht, wenn sich der Alltag alles andere als unverfälscht präsentiere.

Andere erklären den Schwingboom damit, dass viele Leute die Nebenerscheinungen anderer Sportarten satt hätten. Dopingskandale im Radsport, Hooliganismus, Fangewalt, Wettskandale und Eitelkeiten im Fussball sind nur einige Stichworte dazu. Diesen negativen Seiten des Spitzensports halte der Schwingsport die Reinheit und Ehrlichkeit fairer Kämpfe unter sauberen Athleten entgegen, wird uns erzählt.

Allerdings könnte es auch sein, dass das alles gar nicht stimmt. Vielleicht ist Schwingen weder sauberer noch ursprünglicher noch ländlicher als andere Sportarten. Als 1895 in Bern auf Anregung eines Zürcher Turnlehrers der Eidgenössische Schwingerverband gegründet wurde, gab es den Fussballclub St. Gallen schon seit 16 Jahren. Auch der Grasshoppers Club Zürich ist um einige Jahre älter als der Schwingerverband.

Aber es gibt noch mehr Widersprüche. So wie die «Büetzer-Buebe», die vor wenigen Tagen den offiziellen Song zum Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest präsentieren durften, alles andere als «Büetzer» sind, so sind die Spitzenschwinger alles andere als naturbelassene Amateure, die direkt vom Stall ins Sägemehl steigen.

Trotzdem ist die weitverbreitete Ansicht, der Boom des Schwingsports hänge mit einer Sehnsucht nach Beheimatung oder nach unverfälschter Heimat zusammen, wahrscheinlich nicht ganz falsch.

Aber vermutlich steckt noch etwas anderes dahinter: Etwas, das unser ablaufendes Jahrzehnt von früheren Jahrzehnten unterscheidet, ist die Lust auf Events. Je grösser ein Event, desto beliebter ist es, desto mehr Leute kommen beim nächsten Mal, sodass es noch beliebter wird und noch mehr Leute anzieht und so weiter. Es gibt im Land eine allgemeine Sehnsucht, Teil eines möglichst grossen Events zu sein.

Wenn Zehntausende auf dem Gurten die Lieder von Patent Ochsner mitsingen, möchte man sich später nicht vorwerfen müssen, das memorable Konzert verpasst zu haben. Deswegen stehen auch Leute um Tickets an, die Patent Ochsner sonst gar nicht hören. Wenn einmal ein Weltstar wie Cristiano Ronaldo mit Juventus Turin in der Schweiz spielt, balgen sich Leute um Eintrittskarten, die sonst nie an ein Fussballspiel gehen würden.

Wenn das Fernsehen für eine Jass-Sendung in ein Dorf oder eine Kleinstadt geht, steht die ganze Ortsbevölkerung stramm. Man ist dort dabei, wo alle dabei sind und wird dadurch zu einem Teil von etwas Grossem. Der Event hat als Lebensinhalt das Vereinsleben abgelöst. An Fussballspielen gehen manche Zuschauer gerade dann ihr Bier holen, wenn es auf dem Spielfeld am spannendsten ist.

An Konzerten quatschen manche Fans durch ganze Lieder durch, als wären sie Gäste einer Gartenparty und nicht Teil eines Konzertpublikums. Das sind lauter Anzeichen, die darauf hinweisen, dass der Wunsch an einem Anlass dabei zu sein wichtiger ist, als der Anlass selbst.

Eine zweite grosse Sehnsucht unserer Zeit und unseres Landes ist es, unter sich zu bleiben.
Um dieser Sehnsucht Nachdruck zu verleihen, werden beispielsweise in Eisenbahnen Nebensitze mit Taschen belegt, Einbürgerungswillige bei Einbürgerungsverfahren schikaniert oder weltoffene Politiker als Maden diffamiert.

Das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest bietet die seltene Gelegenheit, die wachsende Lust auf Mega-Events mit dem wachsenden Bedürfnis des Alleinseins zu verbinden. Oder wie es der Matchbesucher im YB-Stadion am Mittwoch nicht treffender hätte ausdrücken können: Das Schwingfest als Event ist riesig wie ein Europacup-Fussballspiel, aber ohne Serben.

Das ESAF kommt ohne Fremde aus und fast ohne Landsleute mit fremd klingenden Nachnamen. Der Schwingsport zieht kaum Secondos an. Die selbst ernannten Eidgenossen sind weitgehend unter sich und doch Teil eines Mega-Events. Das ist beinahe schon die Quadratur des Kreises.

Die Schwinger selbst können nichts dafür. Sie machen das Gleiche wie vor 124 Jahren, sie versuchen einander auf den Rücken zu legen und putzen sich danach das Sägemehl vom Hemd.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.