Gastkommentar

Das Fest der Liebe: Zeit mit Familie und Freunden – ohne viel Brimborium

 

Sohn von Esther Girsberger
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Esther Girsberger Publizistin, ab 2020 Co-Ombudsfrau des SRG Deutschschweiz. Diesmal: Mutter des Autors.

Esther Girsberger Publizistin, ab 2020 Co-Ombudsfrau des SRG Deutschschweiz. Diesmal: Mutter des Autors.

zVg

Eine Kolumne kurz vor Jahresende zu schreiben, ist anspruchsvoll. Zumindest bilde ich mir ein, dass es nicht um niedere Politik oder Kommentierung von tagesaktuellen Geschehnissen gehen darf, sondern um tiefgründige Betrachtungen des nationalen oder internationalen Geschehens.

Zusätzlich erhöht wird der Druck, wenn man, wie dies bei meiner Familie dieses Jahr der Fall ist, sich ganz gegen das dominierende Thema dieses Jahres, dem Klimawandel, verhält, und auf Einladung von kolumbianischen Freunden die Weihnachtsferien in Kolumbien auf einer auf 2600 Meter hoch gelegenen Finca verbringt, allerdings ohne diese Freunde, ganz allein, nur wir vier Familienmitglieder.

Kein Zweifel, die absolute Ruhe, die terminfreie Zeit, die weitestgehend internetlosen Tage und die Abgeschiedenheit sind beste Voraussetzungen, die Jahresendkolumne zu verfassen. Doch unser jüngerer Sohn machte mir einen Strich durch die Rechnung. Ziemlich überraschend präsentierte er mir seine eigenen Gedanken zu dieser Zeit. Worauf ich mich entschied, Ihnen diese Kolumne nicht vorzuenthalten:

«Als ich kurz vor unserer Abreise aus den Lautsprechern des Warenhauses die Melodie «Merry Christmas to everyone» hörte, bedauerte ich, dass meine Familie dieses Jahr kein richtiges Weihnachtsfest feiern würde. Denn wir reisten nach Bogotà und von dort aus zur Finca. Als wir mitten in der Nacht aus dem Auto stiegen, war das Einzige, was zu sehen war, eine Weihnachtsbeleuchtung, die um die Eingangstüre hing und unsere verschlafenen Gesichter beleuchtete. Doch das war noch nicht alles. Im Haus erwartete uns ein grosser Weihnachtsbaum, geschmückt mit Leuchtketten und echten kleinen Bananen und Passionsfrüchten. Selbst über dem brennenden Cheminée hingen leuchtende Lichterketten.

Am 24. Dezember erkundeten wir die landschaftlich fantastische Umgebung in einem schmutzigen Jeep. Nach wenigen Minuten fuhr die kolumbianische Polizei in gemächlichem Tempo, aber mit Blaulicht an uns vorbei. Die Polizisten trugen königsblaue Weihnachts­mützen, auf denen in goldener Schrift geschrieben war: «Feliz Navidad». William, der auf der Finca zum Rechten schaut und den Jeep fuhr, erklärte uns, dass die Polizei am Weihnachtstag durch die Gegend fahre und kleine Geschenke an Kinder verteile. Das liessen wir uns nicht entgehen. Wir folgten dem Blaulicht und landeten bei einem kleinen Gebäude. Einer der dort Anwesenden führte uns durch einen kleinen Spalt in einen von Blachen abgeschirmten Hof. Dort schossen die beiden Polizisten, die Pistole am Gürtel hängend und mit ihrer Weihnachtskappe, aus mehreren Metern Entfernung eine metallene Scheibe auf eine Zielscheibe, die aus Lehm war, sodass die Scheibe, falls getroffen, stecken bleiben würde. Sofort wurden wir aufgefordert, es auch zu versuchen. Als wir trafen, wurde frohlockt und gejubelt. Zum Abschied beschenkte uns einer der Polizisten mit einem Plastikball, auf dem kleine Motive wie Tannenbäume, Schneeflocken und Lebkuchen abgebildet waren. Auf der Heimfahrt grüssten uns alle, denen wir begegneten, enthusiastisch.

Den Heiligabend verbrachten wir zusammen mit der Familie von William. Dessen Kinder, 12, 11 und 9 Jahre alt, kamen in ihren schönsten Anzügen, die Tochter war geschminkt, die Haare frisch gemacht. So assen wir im Schein brennender Kerzen und verstanden uns trotz unterschiedlicher Sprachen und Kulturen bestens. Danach wurden Weihnachtslieder gespielt und gesungen. Auch wenn die Mailänderli und Zimtsterne fehlten und keine Geschenke verteilt wurden, empfand ich Weihnachten dieses Jahr als eines der schönsten Feste in meinem bisherigen 14-jährigen Leben.

Ich erkannte in dieser ländlichen Umgebung, weitab von jeder Zivilisation, dass sich nicht alles um Geschenke, das Christkind, Weihnachtsmänner, Glühwein, Schnee oder Guetzli dreht. Es wurde mir wohl zum ersten Mal bewusst, was es heisst, das Fest der Liebe: Zeit mit Familie und Freunden – ohne viel Brimborium.»