Kommentar

Mit 66 fängt der Rentenknorz erst richtig an

Das Schweizer Drei-Säulen-Modell gilt weltweit als vorbildlich. Doch mit den Reformen ist das Land spät dran.

Rainer Rickenbach
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Rainer Rickenbach.

Rainer Rickenbach.

Mit 66 Jahren, so sang Udo Jürgens schon in den 1970er-Jahren, fange das Leben erst richtig an. «Mit 66 Jahren ist noch lange nicht Schluss», verbreitete er Optimismus. Dass er nicht von 65 Jahren sang, war wohl dem Rhythmus der Melodie geschuldet. Wie auch immer: Jürgens traf den Nerv der Zeit. Eine Fähigkeit, die ihn besonders auszeichnete.

In den 70er-Jahren war der Beginn einer Zeit, als die Omas von ihren Enkelkindern nicht mehr als uralt, sondern mehr als die etwas älteren Eltern wahrgenommen wurden. Ältere Eltern mit anständigen Renten, die konsumierten und reisten. Die Altersarmut schien überwunden. An dieser Entwicklung hat sich seit dem Tod von Udo Jürgens vor fünf Jahren nichts geändert. Heute liegt das Durchschnittsalter in der Schweiz bei 83 Jahren, und die Fortschritte in Medizin und Pharmazie helfen den Menschen, ein würdiges und oft gesundes Alter zu erleben.

Das dürfte Jürgens gemeint haben, als er «Mit 66 Jahren» komponierte. Nur: Er war Künstler und kein Versicherungsmathematiker. Als Zahlenmensch wäre ihm nämlich aufgefallen, dass es auf Dauer nicht gut gehen kann, wenn sich am fernen Horizont eine zahlenstarke Generation mit hoher Lebenserwartung abzeichnet und gleichzeitig die Geburten weniger werden (was in den 1970er-Jahren schon der Fall war). Heute ist der demografische Wandel in vollem Gang und mit jedem Jahr spitzt er sich weiter zu. Die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegsjahre verabschieden sich nach und nach in die Pensionierung, viele Firmenchefs suchen händeringend nach Fachkräften.

Ein vom Bundesamt für Statistik simuliertes Szenario zeigt auf, wie sich der Wandel im Zeitraum von 2015 bis 2045 vollziehen könnte: Die Zahl der 20- bis 64-jährigen Personen steigt in diesem Zeitraum von 5,1 auf 5,6 Millionen Personen. Die Zahl der über 65-Jährigen schnellt viel stärker von 1,5 auf 2,7 Millionen in die Höhe.

Gewiss, Eigeninitiative und Unterstützung im Familienkreis werden nebst den Renten hilfreich sein. Doch ob das für alle reicht? Für die AHV bringt diese Entwicklung weniger Beitragszahler für mehr Rentner mit sich. Die Berufstätigen werden mit den kürzlich beschlossenen halbherzigen Reform des Vorsorgewerks bereits stärker zur Kasse gebeten.

Für Pensionskassen ist ebenfalls eine Reform geplant. Für sie sollte der demografische Wandel eigentlich nur einen geringen Einfluss ausüben, weil die Versicherten für sich selbst sparen. Doch wegen des Anlagenotstandes fliesst ein Teil der Rendite in die Rentenauszahlungen anstatt in die Ersparnisse der Werktätigen. Die Neu­renten befinden sich darum in heftigem Sinkflug. Gleichzeitig plant der Bund eine grössere Umverteilung, was dem Wesen der zweiten Säule noch mehr widerspricht und das Drei-Säulen-Modell in Schieflage bringt.

Das Schweizer Drei-Säulen-Modell gilt weltweit als vorbildlich. Doch mit den Reformen ist das Land spät dran. Da ist guter Rat teuer. Länger arbeiten? Dafür spricht die steigende Lebenserwartung. Dagegen sprechen praktische Fragen: Ist die Wirtschaft überhaupt in der Lage, genügend altersgerechte, flexible Arbeitsplätze zu schaffen? Und vor allem: Ist ein höheres gesetzliches Rentenalter politisch durchsetzbar?

Denn mit dem zunehmenden Anteil der älteren Bevölkerungsgruppe ändert sich auch die Politik. Sie wird sozialkonservativer. Wer über 50 Jahre alt ist und mehr als 30 Jahre lang in die Vorsorgeeinrichtungen einbezahlt hat, dem sind sinnvolle Neuerungen, die für ihn nachteilig sind, nur schwer zu vermitteln.

Bis sich um 2050 die Demografie wieder auf ein ausgeglichenes Niveau einzupendeln beginnt, muss sich die Schweiz ausserordentliche und kreative Massnahmen einfallen lassen. Doch das Drei-Säulen-Modell als Kern des Rentenmodells sollte sie dabei nicht verwässern. Es gibt kein besseres.