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Kommentar

Michael Laubers blinder Fleck ist Teil des Problems

Die Geschäftsprüfungskommissionen des Parlaments (GPK) stellen sich nicht gegen die Wiederwahl von Bundesanwalt Michael Lauber. Die Analyse zum Bundesanwalt und zum Machtkampf zwischen der neuen und der alten Fifa-Führung.
Jürg Ackermann

Jürg Ackermann

Michael Lauber wähnte sich lange auf der sicheren Seite. Wer sollte jemals von seinen Treffen mit Fifa-Chef Gianni Infantino erfahren? Niemand! Die Wahrscheinlichkeit, dass es anders kommen könnte, tendierte gegen null. Bis vor einem Jahr der portugiesische Hacker Rui Pinto auf die Bühne des Weltfussballs trat. Hunderttausende geleakte Dokumente liess er einem Netzwerk von Journalisten zukommen. Darunter ein paar E-Mails, die belegten, dass es zu zwei Treffen zwischen dem Bundesanwalt und dem Fifa-Chef gekommen war.

Um was ist es dabei gegangen? Das ist die Frage, die die Schweizer Öffentlichkeit derzeit beschäftigt. Vor einem halben Jahr sagte Lauber, er habe mit Infantino über verfahrensspezifische Fragen geredet, wie beispielsweise mit der riesigen Datenmenge im Fifa-Fall am besten umzugehen sei. Ob das die ganze Wahrheit ist? Wir wissen es nicht. Denn von den beiden ersten Treffen existiert trotz der Explosivität des Falls kein Protokoll, und an das dritte Treffen vom Juni 2017, das erst kürzlich durch die Ermittlungen eines Sonderstaatsanwalts bekannt wurde, erinnert sich keiner der Beteiligten mehr.

Weil nichts protokolliert wurde, schiessen die Spekulationen ins Kraut. So sagte der ehemalige Fifa-Präsident Sepp Blatter im Interview mit der «Schweiz am Wochenende», er habe gehört, bei den Treffen zwischen Lauber und Infantino sei es auch um ihn gegangen. Ist das der Fall, wäre das Vertrauen in den Bundesanwalt nachhaltig angeschlagen. In vielen Fussball-Verfahren der Bundesanwaltschaft geht es ja genau um den Konflikt zwischen alter und neuer Fifa-Spitze – personifiziert durch die beiden Walliser Sepp Blatter und Gianni Infantino. Der Vorwurf der Befangenheit wäre kaum mehr von der Hand zu weisen, da mit der Gegenseite keine solchen Gespräche stattfanden.

Das Pikante daran: Die Treffen von Lauber und Infantino im März und April 2016 sowie im Juni 2017 fielen in eine Phase, in der der Machtkampf zwischen den beiden Protagonisten des Weltfussballs zum Teil in vollem Gang war. Bereits kurz nach der Wahl Infantinos im Februar 2016 gingen die Turbulenzen los. Beim Fifa-Kongress im April 2016 in Mexiko entmachtete er erst Chefaufseher Domenico Scala, der einst von Blatter installiert worden war. Am gleichen Kongress schuf Infantino mit seinen willigen Helfern die Basis für eine Strukturreform, die ein Jahr später die Abwahl der beiden glaubwürdigen Ethikwächter Cornel Borbély und Joachim Eckert zur Folge hatte. Gegen den Fifa-Präsidenten selber lief zu dieser Zeit eine Untersuchung der Ethikkommission, weil er sich im Privatflugzeug eines Oligarchen herumfliegen liess. Experten mutmassten, der unsensible Führungsstil könne Infantino möglicherweise bald schon sein Amt kosten.

Infantino suchte einen Befreiungsschlag und fand ihn. Im Juni 2016 – nur ein paar Wochen nach seinem zweiten Treffen mit Bundesanwalt Lauber – liess er einen Fifa-internen Bericht veröffentlichen, der die exorbitanten Saläre seiner Vorgänger zum Thema machte und der, so die Botschaft, wegen «persönlicher Bereicherung» auch strafrechtliche Folgen haben könnte. Das ehemalige Führungstrio um Blatter, Generalsekretär Jérôme Valcke und Finanzchef Markus Kattner hatte sich zum Teil mit fragwürdigen Arbeitsverträgen gegenseitig fast 80 Millionen Franken zugeschanzt. Auch wenn die Summe in dieser Höhe nicht stimmte, verfestigte der Bericht die von Infantino beabsichtigte Wirkung in der Öffentlichkeit, wonach die Fifa unter Blatter auf höchster Stufe wie ein Selbstbedienungsladen geführt worden sei.

Der PR-Krieg ging in den folgenden Monaten auf vielen Ebenen weiter. Infantino setzte alles daran, sich vom langen Schatten seines Vorgängers zu distanzieren. Die vielen Schlagzeilen über Korruption und undurchsichtige Netzwerke wollte der neue Fifa-Präsident unbedingt loswerden. Infantino wehrte sich zunehmend gegen den entstandenen Eindruck, unter ihm verändere sich nichts zum Guten. Er entliess viele ehemalige Vertraute des alten Fifa-Bosses und machte auch viele von Blatter angestossene Reformprojekte wieder rückgängig. Blatter schoss in Interviews zurück und kritisierte die Arbeit seines Nachfolgers. Der Konflikt dauert bis heute. Das bisher letzte Kapitel schrieb Blatter, als er in der «Schweiz am Wochenende» bekannt gab, er habe Klage eingereicht, weil die Fifa im Juni 2016 imageschädigende Lohnzahlen veröffentlicht habe. Das ist nicht verwunderlich: Blatter geht es um eine moralische Rehabilitierung, um die Rettung seines Lebenswerks.

Beobachter wundern sich, wie es sein kann, dass Lauber sich in einer derart aufgeladenen Atmosphäre im Juni 2017 nochmals mit Infantino in einem unprotokollierten Rahmen traf. Dieses dritte Treffen gilt als sicher, auch wenn sich aufgrund einer nicht erklärbaren kollektiven Vergesslichkeit keiner der Beteiligten mehr daran erinnert. Man kann es Blatter nicht verübeln, dass er jetzt mutmasst, dass Lauber und Infantino im Hotel Schweizerhof in Bern auch über ihn geredet haben könnten. Auszuschliessen ist das ja nicht, zumal Blatter wegen eines dubiosen Fernsehvertrags und einer undokumentierten Zahlung von zwei Millionen Franken an Michel Platini seit 2015 im Fokus der Schweizer Ermittler steht. Die heutige Fifa hat ein elementares Interesse daran, dass «diese Personen, die Verbrechen begangen haben, für den Schaden verantwortlich gemacht werden, den sie unserer Organisation und dem Fussball zugefügt haben», wie sie kürzlich verlauten liess.

«Ich weiss lediglich, dass elf Spieler auf dem Platz stehen. Ansonsten interessiert mich der Fussball überhaupt nicht», sagte Michael Lauber an seiner Pressekonferenz am Freitag. Möglicherweise ist dieses Desinteresse genau ein Teil seines Problems. Wichtig war Lauber offensichtlich, dass er mit dem Fifa-Fall einen grossen Fisch an Land gezogen hatte, mit dem die Schweizer Bundesanwaltschaft im internationalen Kontext der Strafverfolger brillieren konnte. Die grossen Emotionen, das viele Geld, das im Weltsport Fussball steckt, die Ränkespiele hinter den Kulissen, die sich um Macht, Ehre und Missgunst drehen; all das hat der Bundesanwalt wohl nicht in der ganzen Dimension erfasst.

So liesse sich auch erklären, warum sich Lauber aus heutiger Sicht fast schon fahrlässig und leichtsinnig mit jedem geheimen Treffen mit Infantino der Gefahr aussetzte, gegen das Prinzip des Fair Trial (das Recht auf ein faires Verfahren) zu verstossen und damit seine Unabhängigkeit als Ermittler aufs Spiel setzte. Lauber rechnete wohl schlicht nicht damit, dass die Treffen mit Infantino jemals öffentlich würden. Bis vor einem Jahr Rui Pinto auf die Bühne trat und mit seinen gehackten Dokumenten alles veränderte. Und damit vor allem auch das Leben des Bundesanwalts.

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