Gastkommentar

Mehr Wohlstand durch weniger Agrarfreihandel - denn die Abhängigkeit vom Ausland ist auch gefährlich

Wenn es um die Versorgungssicherheit geht, sollten wir nicht allzu strikt ökonomisch denken. Lange galt: Je mehr Freihandel, desto mehr Wohlstand. Aber bei der Landwirtschaft sollten wir daran denken, dass sie zusätzlich zur Produktion von Nahrungsmitteln andere wichtige Funktionen erfüllt: Landschaftspflege und Biodiversität zum Beispiel.

Mathias Binswanger
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Das Coronavirus und seine drastischen Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft haben der Globalisierungseuphorie einen Dämpfer versetzt. In Krisensituationen wird man sich bewusst, dass Abhängigkeit vom Ausland gefährlich sein kann. Dabei geht es vor allem um die Versorgung mit Lebensmitteln und den Erhalt einer lokalen Landwirtschaft. Doch es braucht auch medizinische Grundstoffe, die plötzlich knapp zu werden drohen. Je globalisierter Wertschöpfungsketten organisiert sind, umso billiger werden zwar die Produkte, doch umso grösser wird das Risiko eines Ausfalls. Nur wenn wir neben der globalisierten Wirtschaft auch funktionierende lokale Strukturen im Bereich der Grundversorgung erhalten, ist die Wirtschaft in Krisen resilient.

Doch dieses Ziel steht im Widerspruch zur Forderung nach Freihandel bei allen Gütern. Seit dem zweiten Weltkrieg hat sich die simple Doktrin durchgesetzt, dass Freihandel Wohlstand schafft und Protektionismus Wohlstand verhindert. Also gilt: je mehr Freihandel, umso besser. Bis in die 1980er Jahre war es allerdings noch akzeptiert, dass landwirtschaftliche Produkte einen Sonderfall darstellen. Doch seit der sogenannten Uruguay Welthandelsrunde im Rahmen des damaligen GATT (heute WTO) ist es damit vorbei. Auch Agrargüter sollen seither frei gehandelt werden.

Wegen ein paar Bauern auf Exportmöglichkeiten verzichten?

Aus diesem Grund ist die lokale Nahrungsmittelproduktion zunehmend gefährdet. Zwar sind multilateralen Freihandelsverhandlungen innerhalb der WTO ins Stocken geraten. Doch gerade deshalb bemühen sich die Schweiz und andere Staaten sowie auch die EU, immer mehr bilaterale Freihandelsverträge mit einzelnen Ländern oder Wirtschaftszonen abzuschliessen. Und die Landwirtschaft mit ihrem für sie überlebenswichtigen Grenzschutz gerät dadurch erst recht unter Druck. Nur wegen ein paar Bauern will man doch nicht auf die Erschliessung neuer Exportmöglichkeiten verzichten.

Dabei wird völlig, verkannt, was verstärkte Marktorientierung für die Bauern in Ländern wie Deutschland, Österreich oder die Schweiz tatsächlich heisst: ihren Beruf sofort an den Nagel hängen und sich nach einer neuen Tätigkeit umsehen! Das wird klar, wenn wir die Wertschöpfung pro Vollzeitbeschäftigten pro Jahr in der Landwirtschaft anschauen und mit anderen Brachen vergleichen. In der Schweiz beträgt diese Wertschöpfung bei Bauern rund 30 000 Schweizer Franken. In Branchen wie der Pharmaindustrie oder bei Finanzdienstleistungen liegt diese Zahl bei mehr als dem Zehnfachen, also bei über 300 000 Schweizer Franken. Die Landwirtschaft hat von allen Branchen die weitaus geringste Wertschöpfung!

Rein ökonomisch gedacht sollten wir uns auf die Produktion von Gütern und Dienstleistungen spezialisieren, wo wir eine hohe Wertschöpfung erzielen. Mit den Exporterlösen aus diesen Produkten importieren wir dann zu niedrigen Preisen Lebensmittel aus Ländern, welche diese billig produzieren können. Und der Rest der Exporterlöse steht uns dann für weiteren Konsum zur Verfügung.

Nahrungsmittelproduktion auslagern bedeutet langfristig höhere Kosten

Doch Bauern sind weit mehr als einfach Anbieter von heimischen und deshalb teuren Lebensmitteln. Sie erfüllen mit der Nahrungsmittelproduktion Funktionen, die längerfristig grosse Bedeutung besitzen. Sie garantieren die Versorgungssicherheit mit gesunder Nahrung in Krisensituationen. Zudem sorgen Bauern für die Erhaltung von Kulturlandschaften und Biodiversität und produzieren Lebensmittel unter Bedingungen, die wir über die Landwirtschaftspolitik selbst bestimmen können.

Dieser zusätzliche Nutzen der landwirtschaftlichen Tätigkeit wird aber bei einer rein wirtschaftlichen Betrachtung ausgeblendet, Der Verzicht auf eine eigene landwirtschaftliche Produktion und deren Verlagerung ins Ausland verursacht demzufolge Nutzeneinbussen beziehungsweise Kosten, welche über den Verlust der Eigenversorgung mit Lebensmitteln weit hinausgehen. Natürlich gibt es auch in der heimischen Landwirtschaft noch viel ökologisches Verbesserungspotenzial. Aber jedes glaubhafte Konzept von Nachhaltigkeit beruht letztlich auf einer lokalen Versorgung mit Nahrungsmitteln.