Leserbrief
Zeitungen waren süffige Geschichten willkommen

Der Kampf um die beste ­Geschichte, Ausgabe vom 28. Dezember.

Lieselotte Schiesser, Kreuzlingen
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Der Artikel des früheren «Tagblatt»-Chefredaktors Gottlieb F. Höpli zum Fall des fälschenden Reporters Claas Relotius machte mich neugierig: Hatte Höpli Neues zu dem Fall zu bieten, etwas, das der hauptsächlich betroffene «Spiegel» und andere Medien nicht schon berichtet hatten?

Am Schluss war ich ziemlich baff. Höpli kam zu den – meiner Meinung nach – ziemlich selbstgerechten Schlüssen, der Fall sei 1. vor allem ein Problem des «Spiegels», dessen Schreibstil Höpli ablehnt, und 2. keins der Schweiz. Hier sei die Gefahr «deutlich geringer», denn hier seien Schreibtalente «dünner gesät» und man goutiere «übersteigertes Selbstbewusstsein» nicht, sei pragmatischer.

Alles in Butter? Nur: Was hat ein «übersteigertes Selbstbewusstsein» mit Relotius zu tun? Alle, die ihn persönlich kennen, betonen, wie bescheiden er sei – einem Aufschneider gegenüber wäre man misstrauischer gewesen. Womit das Problem – entsprechend Höplis Analyse – ein deutsches und eines des «Spiegels» bleibt. Auch wenn man jetzt mal kurz verdrängt, dass der Interviews fälschende Tom Kummer, der im Text kurz erwähnt wird, ein Schweizer Eigengewächs ist, bleibt die Frage, wie Höpli und das «Tagblatt» erklären, dass die Reportagen von Claas Relotius in mindestens fünf Schweizer Druckmedien erschienen? 28 (!) seiner Texte allein in der «Weltwoche». Dazu kamen die «NZZ am Sonntag», «NZZ Folio», die «Tages-Woche» sowie das Magazin «Reportagen».

Es mag ja sein, dass die «Weltwoche» samt der als seriös eingestuften NZZ-Titel etwas dagegen haben, «mit der moralischen Keule» zu diskutieren (Zitat Höpli), aber gegen süffige Geschichten hatten sie offensichtlich nichts. Womit von Höplis Analyse ausser Selbstgerechtigkeit nicht viel übrig bleibt – eigentlich gar nichts. Denn auch die Behauptung, es gebe hierzulande weniger gute Schreiberinnen und Schreiber, entpuppt sich bei näherer Betrachtung höchstens als – nett formuliert – unbedachte Äusserung.