Leserbrief

Vor welchen neugierigen Blicken geschützt?

Kurt Schönenberger, St. Gallen
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Es ist grundsätzlich Aufgabe von gutem Journalismus, die Öffentlichkeit über relevante Sachverhalte von Geschehnissen zu informieren und Hintergrundinformationen zu liefern. Dies ist in weiten Teilen dem «Tagblatt» auch im Kindsmissbrauchsfall – der auch den Schreibenden betroffen macht – gelungen. Was mich an der Berichterstattung vom 8. Februar stört, ist die den Text begleitende Bildberichterstattung samt dem Bildtext: Das Bild zeigt nicht die Lokalität des «Tatorts», sondern diejenige des erst Anfang September 2018 von der betroffenen Kita bezogene.

Die Zeitung liegt wohl richtig mit dem begleitenden Bildtext, wonach die im Bild sichtbar heruntergelassenen Rollläden die Kindertagesstätte vor neugierigen Blicken schützen wolle: Es sind jedoch nicht die neugierigen Blicke der südlichen Nachbarn, die der Kita wohlgesinnt sind, sondern diejenigen von Reportern, die von privatem Grund aus ihre Aufnahme vom falschen Objekt «schiessen», weil von der Strasse aus das Grundstück nicht gut einsehbar ist. Der richtige Ort hätte – wie die Zeitung ja selbst scheibt – am früheren Standort an der Espenmoosstrasse gelegen. Der Täter wurde ja bereits im Juli 2018 in U-Haft genommen.

Jeder Täter wird im Fernsehen oder auf Fotografien verpixelt im Bild dargestellt. Ich frage mich einfach, ob es das Ziel relevanter Berichterstattung ist, in publizitätserheischender Manier eine Institution mehr als notwendig in die Öffentlichkeit zu zerren, die ja ebenfalls Opfer der beklagten Machenschaften geworden ist und die sich mit einigem Aufwand erst jüngst eine gute Bleibe geschaffen hat.