Leserbrief
Physiotherapeuten verdienen seit Jahrzehnten gleich viel

«Kassenverband warnt vor Kostenschub», Ausgabe vom 18. Juni

Merken
Drucken
Teilen

Laut Krankenkassen soll nun also die Physiotherapie Schuld sein am nächsten Prämienschub im Herbst. Problematisch ist aber, dass die Krankenkassen nur die wirtschaftliche Optik im Focus haben und die Versorgungsoptik der Bevölkerung ausblendet.

Die Kostensteigerung im gesamten Gesundheitswesen ist enorm. Und eine logische Kostensteigerung im Bereich der Physiotherapie gibt es aufgrund einer Mengenausweitung. Diese Mengenausweitung ist einfach zu erklären:

Fakt 1: Die demografische Veränderung bedingt, dass mehr ältere Menschen Physiotherapie brauchen, um möglichst selbstständig zu bleiben.

Fakt 2: Ambulant vor stationär ist in aller Munde; die Menschen sind nach Operationen viel schneller wieder zu Hause und brauchen Physiotherapie zur Nachbehandlung.

Fakt 3: Neuere wissenschaftliche Studien belegen, dass konservative Behandlungen den Operationen oft zumindest ebenbürtig sind. Daher ist die kostengünstige Physiotherapie zu forcieren.

Fakt 4: Es gibt immer mehr palliative Behandlungen von Menschen mit unheilbaren Erkrankungen, die wir unter anderem mit Physiotherapie abdecken.

Fakt 5: Es gibt eine wachsende Erwartungshaltung der Menschen, die Therapie benötigen. Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten sind seit Jahren motiviert, diesen Part im Gesundheitswesen abzudecken.

Interessanterweise haben wir aber nie Reklamationen über hohe Physiotherapiekosten von den Patienten erhalten. Warum nicht? Weil sie sich im Gegenteil wundern, wie kostengünstig die Physiotherapie im Gegensatz zu andern Tarifen im Gesundheitswesen ihre Arbeit leistet. Es ist nämlich die wahrscheinlich kostengünstigste therapeutische Intervention im gesamten Gesundheitswesen überhaupt. Kaum ein Beruf mit Fachhochschulabschluss wird so schlecht honoriert, wie die Physiotherapie. Daher haben wir eine Ausfallquote von 35 Prozent der ausgebildeten Physios, die dem Beruf den Rücken kehren; meist eben wegen der schlechten Entlöhnung.

Der Krankenkassentarif und damit der Reallohn von Physiotherapeuten ist seit zwei Jahrzehnten faktisch unverändert geblieben. Solange unsere Entschädigung gleich schlecht bleibt, müssen wir über das Kostensparpotenzial in der Physiotherapie nicht diskutieren.

Urs Keiser und Irene Zemp, Co-Präsidium physio zentralschweiz