Leserbrief
Die Italiener lieben ihre Dichter

Bea Wildhaber, Zuckenriet
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Auch ich gehörte zu den Glücklichen, die an besagtem Mittwochabend in den Genuss des zutiefst beeindruckenden Monologs von Andrea Camil­leri kamen. Bemerkens- und bewundernswert, dass RAI Uno zu Ehren und zum Abschied von Camilleri sich für diese, seine selbst geschriebene und selber vorgetragene «Conversazione su Tiresia», der Geschichte des blinden Sehers, entschieden hatte. Dieser fast eineinhalbstündige wunderbare Monolog Andrea Camilleris, in der einmaligen Kulisse des Teatro Greco im sizilianischen Siracusa, (eine Aufzeichnung vom Juni 2018) hätte als Würdigung des grossen sizilianischen Maestro nicht eindrucksvoller sein können. Es war aber nicht nur dieses Erlebnis, das mich beeindruckte. Beginnend mit dem morgendlichen TG speziale zum Tod von Andrea Camilleri an diesem 17. Juli, änderte RAI Uno sein Tages-, Abend- und Nachtprogramm. Und nicht nur RAI Uno, auch andere RAI-Sender änderten teilweise ihre Programme. Ich frage mich, ob ich Vergleichbares so schon erlebt habe. Ausserhalb Italiens, meine ich. Es war «un omaggio», die seinesgleichen sucht! Eigentlich erstaunt es nicht. Die Italiener sind und waren schon immer stolz auf ihre Dichter, auf ihre Künstler, und sie lieben sie! Und so lieben die Sizilianer auch ihren «grande scrittore», ihren Geschichtenerzähler Andrea Camilleri, und sind mächtig stolz auf ihn. Er, der Geschichten erzählen konnte, wie sie es selber liebend gerne und ausgiebig tun. Und er liebte sein Sizilien und bewahrte sich stets seinen liebevollen, aber auch besorgten Blick auf seine Insel. Es gibt eben auch dieses, das andere Italien, und es gibt auch das andere Sizilien! Und es gibt auch diese anderen Stimmen, die besorgten und kritischen. Die wichtigen! Eine davon ist nun leider verstummt, und das macht nicht «nur» die Italiener traurig. Die Stimme von Andrea Camilleri wird besonders den Siciliani sehr fehlen!

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