Leserbrief
Das Gefühl für Geld geht verloren

Annette Schulthess, St. Gallen
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In dieser Diskussion fehlen mir zwei Aspekte, die meine eigene Pro-Bargeld-Haltung noch zusätzlich untermauern. Bequemlichkeit und angebliche Sicherheit von bargeldlosem Zahlen mögen verlocken, haben aber definitiv Nachteile, die wir nicht unterschätzen sollten: 1. Mit bargeldlosem Bezahlen geht das Gefühl für Geld verloren. Es ist nicht dasselbe, ob ich eine 50er-Note in der Hand habe, diese ausgebe und anschliessend mein Geldbeutel leerer ist, oder ob mich ein Klick 50 Franken ärmer macht. Selbst die detaillierte Abrechnung Ende Monat ersetzt den emotionalen Bezug zum Geld nicht. Das ist mit ein Grund, respektive eine Gefahr, weshalb heute viele Jugendliche in die Schuldenfalle tappen. Als Pro-Juventute-Referentin zum Thema Geld und Konsum liegen mir Zahlen des Bundesamtes für Statistik vor: Bereits ein Drittel aller 18- bis 24-Jährigen in der Schweiz hat Schulden. Das darf uns nicht egal sein. Das Bezahlen mit Bargeld hilft mit, einen realen und persönlichen Bezug zum Geld herzustellen. 2. Das Bezahlen mit Karten oder Twint setzt voraus, dass ich jederzeit die entsprechenden Geräte und auch den benötigten Strom zur Verfügung habe. Zwar werden Geräte stets effizienter, doch nimmt die mobile Internetnutzung von Jahr zu Jahr zu. So steigt nicht nur der Stromverbrauch durch Aufladen all unserer Handys, sondern auch der Bedarf in den Rechenzentren. Dort verbrauchen sie fünf bis zehnmal mehr Strom als zu Hause. In spätestens zehn Jahren werden wir weltweit 50 Prozent aller geförderten Energie für die Digitalisierung aufbrauchen, was ein Horrorszenario darstellt (gemäss Radio SRF 1/5.9.19). Wie das mit Klimazielen aufgehen soll? Zudem machen wir uns freiwillig abhängig von diesen Zahlarten. Sobald die Technik aussteigt, geht rein gar nichts mehr. Ich bin dankbar, dass es nebst Geschäften auch Märkte und Festivals gibt, wo ich bar bezahlen kann, weil ich so doppelt unabhängig bleibe: meine Daten werden nicht überall gesammelt, und technischen Pannen bin ich weniger ausgeliefert.

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