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Leserbrief

Beihilfe zum Suizid – die neuen Richtlinien sind umstritten

Ärzte-Dilemma bei den «Lebenssatten», Ausgabe vom 12. September.

Sicher hat jeder Mensch, der ein gewisses Alter erreicht hat, schon einmal in seinem Leben eine körperliche oder seelische Leidenssituation als «unerträglich» empfunden und daran gedacht sich das Leben zu nehmen, weil er keinen Ausweg sah. Doch jeder kennt auch das Aufatmen, die Erleichterung, wenn durch menschliche Zuwendung und sachgerechte Hilfe eine Lösung oder zumindest Linderung eintrat. Das unerträgliche Leid war vorübergehend, und manche, die einen Suizidversuch überlebt haben, berichten von grosser Dankbarkeit und neuer Lebensfreude.

Einem verzweifelten Menschen den Giftcocktail zu verabreichen heisst, ihn aufzugeben und ihm den mitmenschlichen und ärztlichen Beistand zu verweigern. Die Pflicht des Arztes aber ist es, Leben zu erhalten und bis zum Schluss Wege der Heilung oder Linderung zu suchen. Eine solche Handlung bedeutet, den Mord zu sanktionieren, und zerstört generell das Vertrauen in die Mitmenschen, ohne die kein Leben und keine Linderung von Leid möglich ist. «Lebenssatt» ist in diesem Zusammenhang ein irreführendes Wort: «satt» ist man, wenn man gut gegessen hat. Das Wort soll den ungeheuerlichen Tötungsakt, um den es hier geht, harmlos erscheinen lassen.

Auch ist der Begriff «Sterbehilfe» missbräuchlich und irreführend. Schon die Nazis nannten ihre Euthanasie «Sterbehilfe». Wir müssen alle einmal gehen, aber «Hilfe beim Sterben» bedeutet, dass man – neben der Linderung der Schmerzen – dem Sterbenden mitmenschliche und achtsame Anteilnahme entgegenbringt, so dass das Sterben ein sanftes und von Liebe getragenes «Hinübergehen» ist. Unsere Gesellschaft sollte in allen Lebensbereichen liebevolle Mitmenschlichkeit und brüderlich-schwesterliche Verantwortung hegen und pflegen. Dann gäbe es keine solchen perversen Vorschläge.

Renate Caesar, Wallenwil


Nach einer Operation lag ich im Spital, im Nachbarbett eine ältere Dame, die sich gerade ein neues Knie hatte einsetzen lassen. Wir unterhielten uns viel, die Dame war sehr lebensfroh, sie bekam häufig Besuch von Verwandten und Vereinskolleginnen. Sie hatte Pläne, mit der Familie, Reisen usw. Noch musste sie viel liegen. Eine Folge davon war Wasser auf der Lunge, das ihr das Atmen erschwerte. Sie wurde jeweils schnell behandelt, damit sie wieder Luft bekam. Nach einem solchen Eingriff wurde ich unfreiwillig Zeuge, wie eine Pflegerin sie zu überreden versuchte, sich das nächste Mal nicht mehr behandeln zu lassen, sondern zu sterben.

Die Pflegerin sprach mit mitleidsvollem Ton auf die Dame ein; diese wusste sich kaum zu wehren. Als die Pflegerin weg war, sprach ich mit der Dame: Sie war verunsichert, zeigte sich aber – als sie endlich wieder einen klaren Gedanken fassen konnte – empört über das Ansinnen der Pflegerin. Sie wollte unbedingt leben. Ich unterstützte sie darin. Hätte die Dame in einer schwachen Minute zugestimmt, hätte das wohl als «Sterbewunsch einer Lebenssatten» gegolten. Der Vorfall hat mich erschreckt: Es darf doch nicht sein, dass ein Mensch – unter dem Deckmantel falschen Mitleids – gedrängt wird, aus dem Leben zu gehen. Allein die Diskussion über die «Sterbehilfe» wirkt schwächend. Viele, besonders alte oder kranke, Menschen können das Gefühl bekommen, lästig zu fallen, überflüssig und «zu teuer» zu sein.

Eine solche Kultur des Todes können wir nicht wollen, eine Kultur, in der nur der fitte, junge, leistungsfähige Mensch seinen Platz hat. Wenn der Mensch beginnt, sich anzumassen, das Leben in lebenswert und lebensunwert einzuteilen, das Leben nach Belieben zu beenden, dann ist ein gefährlicher Weg eröffnet. Niemand ist in einer solchen «Kultur» mehr seines Lebens sicher. Die Geschichte beweist das. Die Aufgabe von Ärzten und gesunden Mitmenschen ist es, zu unterstützen und zu ermutigen. – Die alte Dame wurde übrigens gesund entlassen. Die Spitalleitung – ich informierte sie über den Vorfall – hat sich für die Pflegerin entschuldigt. An vielen Spitälern und Altersheimen – nicht an allen – sind «Beratungen» zum Tod jedoch bereits an der Tagesordnung.

Marita Koch, Stettfurt


Im Juni stellte die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) ihre revidierten Richtlinien zur Beihilfe zum Suizid vor. Neu sollen Ärzte nicht nur bei Menschen mit unheilbarer, zum Tod führender Krankheit Suizidhilfe leisten dürfen, sondern auch bei Menschen mit «unerträglichem Leiden». Das betrifft beispielsweise depressive Menschen, soll neu aber auch bei Kindern, Jugendlichen und Behinderten möglich sein. Der Verein «Echtes Recht auf Selbstbestimmung» wird sich gewiss freuen. In mir aber sträubt sich alles gegen eine solche Ausweitung der Suizidhilfe.

Als Ärztin erlebte ich manche Menschen, die sich ernsthaft das Leben nehmen wollten, dabei aber nicht erfolgreich waren. Fast alle lebten nachher gerne weiter. Gemäss Statistik sind es 90 Prozent, die nachher wieder Freude am Leben finden. Der sogenannt dauerhafte Todeswunsch, welcher als Voraussetzung für Suizidhilfe gefordert wird, ist eben wandelbar. Ich lehne jede Verurteilung von Menschen, welche einen vollendeten Suizid begingen, strikte ab, denn sie handelten aus Verzweiflung. Aber die Aufgabe der Mitmenschen, seien es Ärzte oder Angehörige, besteht in der Hilfe zum Leben, nicht zum Sterben.

Wenn wir diesen Grundsatz aufweichen, beschädigen wir das Empfinden für die Würde des menschlichen Lebens. Die Entstehung von Leben ist und bleibt ein Wunder, ein göttliches Geschenk. Entsprechend sorgfältig sollen wir damit umgehen. Zudem beschädigen wir auch die Mitmenschlichkeit, denn Angehörige leiden oft schwer am Suizid eines Mitmenschen. Ich hoffe sehr, dass die Ärztekammer die neuen Richtlinien der SAMW ablehnen wird.

Regula Streckeisen, Romanshorn Ärztin, EVP


Das sogenannte «Ärzte-Dilemma» könnte schnell zum Dilemma von uns allen werden: Wenn ich als Patientin nämlich nicht mehr darauf vertrauen kann, dass Arzt und Pflegepersonen mein Leben in Krankheit, Schwäche und Alter bis hin zum Sterben schützen, Schmerzen lindern und Zuspruch geben! Kürzlich war ich bei meinem Hausarzt, der mir eine Impfung empfahl. Ich bin kein Freund von Impfungen. Die Antwort war deutlich: «Sie können Ja oder Nein dazu sagen. Ich als Arzt empfehle Ihnen nach bestem Wissen, was hilft – Ihnen und jedem anderen, ob alt oder jung, Christ oder Moslem, unabhängig von dessen Einstellung.»

Eine solche vorbehaltlose Entschiedenheit der Hilfeleistung lässt Vertrauen entstehen. Diese Haltung ist auch bei der Hilfeleistung des Roten Kreuzes die Grundlage. Gerade diese Vertrauensbasis würde zerstört bei der Annahme der neuen Richtlinien «Umgang mit Sterben und Tod» der Akademie der Medizinischen Wissenschaften. Denn die Richtlinien wollen die Sterbe-«Hilfe» neu zur möglichen Aufgabe des Arztes machen, die Suizidabsicht bei nicht tödlichen Krankheiten einbeziehen und sogar Kinder, Jugendliche und Patienten mit geistiger, psychischer oder Mehrfachbehinderung zur Sterbehilfe zulassen.

Diese Richtlinien sind kein «medizin-ethisches Dokument», wie es in Ihrem Artikel heisst, sondern das Gegenteil – ein Verstoss gegen das Menschenrecht auf Leben, das in unserer Verfassung festgeschrieben ist. Sie dürfen nicht ins Standesrecht der Ärzte aufgenommen werden.

Renate Dünki, Oberwangen


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