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Kolumne

Lehrer – ein schwieriger Beruf in der Krise

Buchautor und Dozent Mario Andreotti über die Probleme, mit denen sich Lehrer heutzutage auseinandersetzten müssen.
Mario Andreotti
Mario Andreotti.

Mario Andreotti.

«Schüler und Eltern gehen vermehrt auf Lehrer los», war Mitte Mai im Boulevardblatt «20 Minuten» zu lesen. Dabei seien selbst tätliche Angriffe keine Ausnahmen mehr. In Deutschland komme es fast an jeder zweiten Schule zu Gewalt gegen Lehrkräfte – ein Ergebnis, das sich ansatzweise auf die Schweiz übertragen lasse. So Franziska Peterhans vom Schweizerischen Lehrerverband. Schuld an diesen Übergriffen sei vor allem der fehlende Respekt gegenüber Lehrkräften, sagen Bildungsexperten.

Dass Autoritäten es heute schwer haben, ist längst eine Binsenwahrheit. Das gilt bekanntlich nicht nur für den Lehrer, der noch bis weit in die Mitte des letzten Jahrhunderts eine Autoritätsperson war, das gilt auch für den Arzt und den Pfarrer. «Autorität» wird heute gerne mit «autoritär» gleich­gesetzt. Und wer will schon autoritär sein? Doch für die Lehrer und ihren Lehr- und Erziehungsauftrag war diese im Zuge der 68er-Bewegung erfolgte Quasigleichsetzung der beiden Begriffe folgenreich. Sie führte dazu, dass viele Lehrer immer weniger bereit waren, ihre Führungsaufgabe wahrzunehmen, das heisst, eine Klasse konsequent zu führen. Die zunehmende Digitalisierung des Unterrichts, verbunden mit selbst organisiertem Lernen, bei dem die Lehrperson nicht mehr in erster Linie unterrichtet, sondern die Lernenden als Coach, als Berater und Partner begleitet, hat diesen Trend noch verstärkt. Dabei wollen Lernende von der Lehrperson, wie Studien gezeigt haben, neben fachlicher Kompetenz und Verständnis auch Führung. Sie ist ein unersetzlicher Tragpfeiler eines respektvollen und effizienten Unterrichts.

Indessen sind es häufig gerade junge Lehrkräfte, die glauben, durch fraternisierende Nähe bei den Schülern besser anzukommen, indem sie sich ihnen anbiedern oder einen Unterrichtsstil pflegen, der mehr nach Laisser-faire als nach Führung aussieht. Kein Wunder, dass der Respekt der Schüler ausbleibt, denn Schüler erlauben sich erfahrungsgemäss mehr, wenn Lehrpersonen aus Angst, klare Vorgaben zu machen, nicht gewillt sind, ihre Klasse wirklich zu führen. Führung aber bedarf personaler Autorität. Fehlt diese, so kommt es im Endeffekt zu Übergriffen auf Lehrpersonen, und das nicht nur von Schülern, sondern auch von Eltern. Dass davon junge, noch wenig erfahrene Lehrer besonders betroffen sind, erstaunt nicht. Die hohe Ausstiegsrate von 20 Prozent im ersten Dienstjahr spricht da eine deutliche Sprache. Es lässt sich nicht leugnen, dass manche Lehrer an der Krise ihres Berufes nicht ganz unschuldig sind. Wer sich mit den Schülern fraternisierend einlässt, in zerschlissenen Jeans und in Turnschuhen vor eine Klasse tritt, kann nicht erwarten, dass die Öffentlichkeit ihm Respekt entgegenbringt. Diese Tatsache wird gerne verschwiegen.

Doch alle Schuld für ihr eher geringes Ansehen den Lehrern aufzubürden, wäre allzu einfach. Zu wenig bekannt ist der Öffentlichkeit die tatsächliche berufliche Belastung der Lehrer, weil man meist nur die Unterrichtsstunden sieht. Vorbereitung und Nachbereitung des Unterrichts, Korrekturarbeiten, Konferenzen, Gespräche mit Eltern und so weiter werden dabei selten berücksichtigt. Es dürfte kein Zufall sein, dass die physische und psychische Belastung der Lehrer in den letzten Jahren enorm gestiegen ist, wie die wachsende Zahl der krankheitsbedingten Frühpensionierungen und die verbreiteten Fälle von Burn-out, aber auch die Tatsache, dass immer mehr Lehrer nur noch im Teilpensum arbeiten, zeigen.

Soll sich das beschädigte Ansehen der Lehrer wirklich verbessern, so muss die elementare Bedeutung von Schule und Unterricht und die sich daraus ergebende Aufgabe der Lehrer vermehrt zur Sprache kommen – und zwar so, dass sie von der Öffentlichkeit auch verstanden wird. Und bedenken wir eines zum Schluss: Wir können nicht einerseits ständig von einer «Wissensgesellschaft» sprechen, in der Transfer und Kommunikation eine immer grössere Bedeutung bekommen, und andererseits jenen Berufsstand weiterhin kleinreden, dessen Bedeutung für diesen Transfer kaum zu überschätzen ist.

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