PRO / KONTRA
Soll «Wetten dass...?» zurückkehren? Ja, sogar Kinder lieben es – Nein, verschont uns davon!

Vor zehn Jahren wurde «Wetten, dass...?» beerdigt, nun gabs ein Comeback der Sendung mit Thomas Gottschalk. Es wurde als einmalig angekündigt, doch nach der erstaunlich hohen Einschaltquote stellt sich die Frage: Soll die Sendung auf SRF, ZDF und ORF wieder regelmässig ausgestrahlt werden?

Patrik Müller und Anna Miller
Patrik Müller und Anna Miller
Drucken
Die Jubiläumsshow von «Wetten, dass...?» mit Michelle Hunziker und Thomas Gottschalk lockte am Samstag allein in Deutschland über 14 Millionen Menschen vor den Fernseher.

Die Jubiläumsshow von «Wetten, dass...?» mit Michelle Hunziker und Thomas Gottschalk lockte am Samstag allein in Deutschland über 14 Millionen Menschen vor den Fernseher.

Frederic Kern / www.imago-images.de

PRO von Patrik Müller: Das Lagerfeuer brannte wieder

Bei unseren Kindern sind Smartphones und Tablets werktags verboten, ausser für Hausaufgaben, aber an Wochenenden sind wir liberal. Und so kommt es an einem Samstagabend vor, dass die Eltern sich vor den Fernseher fläzen, während die Töchter (10 und 12 Jahre) auf separaten Bildschirmen Netflix schauen und der Sohn (8) ein Game spielt.

Als ich klein war und «Wetten, dass...?» oder «Benissimo» lief, sass die ganze Familie auf dem Sofa und schaute in denselben Röhrenbildschirm, bis die Eltern uns Kinder ins Bett schickten. Roger de Weck erfand dafür den Begriff Lagerfeuer. Dieses ist längst erloschen, heute sind zielgruppengerechte Angebote gefragt, und «live» spielt ausser im Sport keine Rolle mehr.

Vorgestern um 20.15 Uhr schaltete ich «Wetten, dass...»? ein, während im selben Raum unsere Kinder an ihren Geräten hingen. Als am TV nach drei Minuten immer noch applaudiert wurde, blickte eins auf und fragte: «Warum klatschen die so lang?»

Dann geschah Wunderliches. Die erste Wette. Ein Hund musste schnüffelnd Abfall trennen. Unsere Kinder legten die Apple-Geräte weg. Fieberten mit und lachten über Gottschalks Sprüche («der wird durchdrehen, wenn die Müllabfuhr kommt!»).

Der achtjährige Wettkandidat Emil begeisterte nicht nur Showmaster Thomas Gottschalk.

Der achtjährige Wettkandidat Emil begeisterte nicht nur Showmaster Thomas Gottschalk.

Keystone

Bei Helene Fischer blieben sie dran. Beim 8-jährigen Emil, der sich kopfüber mit den Füssen an den Haltegriffen durch einen U-Bahn-Wagen hangelte, hatte das lineare Fernsehen unsere «Digital Natives» für sich gewonnen. Emil durfte seinem Influencer-Idol Vinny Piano begegnen, und danach tauchten die Social-Media-Stars Lisa und Lena auf. Ich hatte noch nie von diesen gehört, unsere Töchter klärten mich auf, ich wiederum erzählte ihnen, dass Michelle Hunzikers Heimatort im Aargau liegt. ABBA waren die Schnittmenge, die wir alle kannten.

Statt dass jeder in seinen Bildschirm starrte, schauten wir gemeinsam - und wir redeten miteinander!

Es war jederzeit zu erwarten, dass das Lagerfeuer ausgehen würde; iPad und iPhone lauerten auf dem Sofa. Doch dann folgte die Wette mit dem jungen Mann, der auf einer imaginären Weltkarte mit Dartpfeilen Länder treffen musste...

Jetzt aber ab ins Bett, Kinder! Das war besser so, denn danach verlor die Sendung an Tempo. Würde sie wieder regelmässig kommen, müsste man die Sendedauer halbieren. Doch mit den Wetten (in der Social-Media-Sprache: Challenges), Promis (Influencern) und Musik hat das Uralt-Format eigentlich alles, was auch bei den Jungen funktioniert.

Am Sonntagmorgen erwischte ich unseren Jüngsten am iPad. Er guckte «Wetten, dass...?» auf Youtube. «Ich will wissen, wer Wettkönig wurde», sagte er.

Ein herrlicher Ausflug in die Vergangenheit: «Wetten, dass...?»-Erfinder Frank Elstner, Show-Legende Thomas Gottschalk und Co-Moderatorin Michelle Hunziker

Ein herrlicher Ausflug in die Vergangenheit: «Wetten, dass...?»-Erfinder Frank Elstner, Show-Legende Thomas Gottschalk und Co-Moderatorin Michelle Hunziker

Keystone

CONTRA von Anna Miller: Fertig, wenn's am Schönsten ist

Okay, fast 14 Millionen Menschen haben am Samstag «Wetten, dass...»? geschaut. Ein Wahnsinnserfolg. Glückwunsch! Was für eine Freude, dass das lineare Fernsehen in Zeiten von individuellem Dauer-Streaming mal wieder die Oberhand hatte.

Ist ja lange genug her, dass Generationen von Menschen gemeinsam etwas schauen, nicht jeder in sein eigenes Gerät starrt. Und in Zeiten, in denen jeder sein Leben daueroptimiert und durch ein Dutzend Filter durchgejagt präsentiert, ist es ein Wohlgefühl, mal wieder echte Menschen im Fernsehen zu sehen, die Fehler machen. Die bangen. Die mit Talent und Geschick überzeugen wollen.

«Wetten, dass...»? war insofern ein Ausflug in eine Realität aus vergangenen Zeiten, in die wir uns doch eigentlich schon lange zurücksehnen. Ein Anflug von Nostalgie – noch krasser geschürt durch die Ankündigung des Senders, dass diese Ausstrahlung eine einmalige Sache ist. Deshalb sind wir vor die Bildschirme geströmt: Was rar ist, ist wertvoll. Und, weil uns Thomas Gottschalk und Michelle Hunziker ein Gefühl von Heimeligkeit vermitteln. Routine und Ritual-Revival in einer Zeit, in der wir sonst nur noch optimierte Dinge präsentiert kriegen, sofort, wann und wo wir wollen, ohne zeitliche Begrenzung, ohne, darauf warten zu müssen.

Markus Lanz reichte charismatechnisch nicht an Vorgänger Gottschalk heran.

Markus Lanz reichte charismatechnisch nicht an Vorgänger Gottschalk heran.

Sascha Baumann / Zdf

Deshalb werden nun wohl auch die ersten Rufe nach der Neuaufnahme laut. Verständlich. Doch ehrlich: Hört jetzt wirklich auf. Es war wunderbar, und es ist gut so. Hört auf, wenn es am Schönsten ist. Und, solange Gottschalk noch in guter Erinnerung bleibt. Und nicht wieder durch Kollege Lanz ersetzt werden muss, der charismatechnisch nicht ansatzweise an den Urvater der Show herankommt.

Man sollte nicht alles reproduzieren, was die Leute sich wünschen. Manchmal liegt der Zauber, gerade in der heutigen Zeit, in der Verknappung. Im Zeitalter der unmittelbaren Verfügbarkeit war uns «Wetten, dass...»? eine Lehre, dass der Mensch noch immer still vor einer Röhre sitzen kann und Termine durchaus einhält. Und sich vielleicht genau nach dieser Reduziertheit sehnt.

Statt also «Wetten, dass...»? wiederzubeleben, um bald festzustellen, dass diese Show, kommt sie regelmässig, dann doch nur Wenige interessiert, suchen wir uns doch auf Netflix eine Serie, die wir, alle gemeinsam auf dem Sofa sitzend, einmal die Woche gemeinsam schauen. Wie in guten, alten Zeiten. Und für alle Fälle: Den Eurovision Songcontest und "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" haben wir ja immer noch.

Ein Eindruck von der Sendung vom Samstag:

Aktuelle Nachrichten