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Kommentar

Zum Frauenstreik: Erst muss die Wut raus – heute ist der Tag der Maximalforderungen

Vor allem linke Kreise haben zum Frauenstreik gerufen. Doch die Frustration über Ungleichheiten, auf welche die Frauen aufmerksam machen, existiert weit darüber hinaus. Was gefragt ist, damit sich wirklich etwas verbessert.
Odilia Hiller
Odilia Hiller. (Bild: Michel Canonica)

Odilia Hiller. (Bild: Michel Canonica)

«Frauen first», heisst es heute im ganzen Land. Wie im Jahr 1991 haben ursprünglich gewerkschaftliche Kreise zum Frauenstreik aufgerufen. Auch diesmal werden Arbeitnehmerinnen, Mütter, Migrantinnen, Grossmütter, Studentinnen und Schülerinnen weit über das linke Spektrum hinaus auf die Strasse gehen . Sie wollen vor allem eines: laut und deutlich auf die Missstände und strukturellen Ungerechtigkeiten hinweisen, denen Frauen in ihrem Lebensalltag noch immer auf Schritt und Tritt begegnen.

Die Zahlen und Fakten sprechen für sich. Lohnungleichheit, der Karriereknick nach der Mutterschaft, das Armutsrisiko oder der nach wie vor niedrige Frauenanteil in Politik und Chefetagen sind dabei nur einige Stichworte. Heute ist der Tag, wo alles wieder einmal zusammengetragen wird mit dem Ziel, der Wut und dem Frust darüber Luft zu verschaffen - und Verbesserungen einzufordern.

Die Vergangenheit hat Verkrustungen hinterlassen

Dass dies 28 Jahre nach dem ersten Frauenstreiktag noch immer notwendig ist, kann man bedauern. Aber es darf nicht ernsthaft überraschen. Vergangene Jahrtausende, in denen fast ausschliesslich die Männer über das Schicksal der Frauen richteten, wiegen schwer. Sie haben Verkrustungen hinterlassen, die sich nicht innert einiger Jahrzehnte aufbrechen lassen.

Müde machen allerdings die Zweifler, Relativierer und Bagatellisierer. Wir kennen sie alle: Ist denn das wirklich alles so schlimm? Wird sich das nicht von allein einpendeln? Warum die Aufregung? Ist da jetzt nicht alles ein wenig übertrieben?

Zurückschrauben kann man immer noch

Ja, die Forderungen der Gewerkschaften gehen teils sehr weit. Gratis Verhütungsmittel für alle Frauen und Hausfrauenlöhne sind Ziele, über die man unterschiedlicher Ansicht sein kann. Es ist aber bekannt, dass es in der Politik, ähnlich wie auf dem Souk, nicht das Ungeschickteste ist, mit einer Maximalforderung in Verhandlungen einzusteigen. Zurückschrauben kann man immer noch.

Deshalb ist heute der Tag der Maximalforderungen. Der Tag der Wut, aber auch des Feierns berechtigter Anliegen, die in unserem Land nicht laut genug wiederholt werden können: Die Schweiz muss familienfreundlicher werden, wenn wir ernsthaft wollen, dass Frauen und Männer im Beruf die gleichen Aufstiegschancen erhalten. Es braucht echte Wahlmöglichkeiten für alle, damit zeitgemässe Familienmodelle und Karrierepläne entstehen können, die nach einer Mutterschaft nicht implodieren oder nur unter Aufbietung übermenschlicher Kräfte der Frau überleben.

Die Männer dürfen nicht ausgeschlossen werden

Denn so viel ist klar: Die Rechnung geht heute, am 14. Juni 2019, für zu viele Frauen nicht auf. Sie reiben sich auf zwischen Partnerschaft, Familie, Job und Haushalt und verzichten viel zu oft auf viel zu viel. Krankheit, Erschöpfung, zerbrochene Ehen und Beziehungen sind nur einige der Auswirkungen dieser Doppel- und Dreifachbelastungen, die oft jahrelang andauern. Nicht zu reden vom Schicksal, das in unserem Land Alleinerziehenden zuteil wird, die kaum eine Lobby haben.

Keine Frage, die Männer dürfen von dieser Diskussion nicht ausgeschlossen werden. Ohne sie geht gar nichts davon, was für die Sache der Frau getan werden muss. Immerhin unterstützen weit mehr Schweizer als vor 28 Jahren den heutigen Frauenstreiktag ideell oder praktisch, indem sie am Streik mitlaufen oder dafür sorgen, dass die Arbeitswelt heute nicht zusammenbricht.

Die Frauen können noch mutiger werden

Was aber können wir tun, damit heute nicht nur hehre Wünsche von den Redepulten schallen - und gleich wieder verhallen?

Die Frauen selber können sehr viel machen. Sie können noch mutiger werden. Sich viel öfter an den Worten "Ich will" oder "Ich will nicht" versuchen. Sich Gehör verschaffen und Risiken eingehen. Sie können versuchen, Töchter heranzuziehen, die weniger Angst haben, sich zu exponieren, und die sich trauen, Entscheidungen in einer Freiheit zu treffen, die früheren Mädchengenerationen weder anerzogen noch zugestanden wurde.

Dies muss nicht heissen, im steten Kampfmodus zu leben. Es darf aber noch weniger heissen, in der Opferrolle stecken zu bleiben. Nur dann kann das Potenzial genutzt werden, das in der #MeToo-Debatte steckt. Der grösste Erfolg des heutigen Tages wäre, wenn aus der Wut Kraft entsteht.

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