Wochenkommentar
Wer sich nicht impfen lässt, kann keine Solidarität erwarten

Wie soll die Schweiz mit Impfverweigerern umgehen? Die Frage stellt sich angesichts der steigenden Fallzahlen immer drängender. Ein Zwang ist politisch ausgeschlossen. Aber wer sich nicht impfen lässt, soll und muss die Konsequenzen im Alltag tragen.

Pascal Hollenstein
Pascal Hollenstein
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Keystone

«Solidarität» war das magische Wort in der ersten und der zweiten Welle der Corona-Pandemie. Es bedeutete: Personengruppen, die an sich durch das Virus nur sehr wenig bedroht waren – gesunde Junge – mussten sich massive Einschränkungen gefallen lassen, damit das Leben von alten und kranken Menschen geschützt werden konnte. Das Regime hat von den Jungen viel Verzicht verlangt. Dennoch war es mehrheitsfähig. Es leuchtete ein. Steht nicht auch in der Verfassung, die Stärke des Volkes messe sich am «Wohl des Schwachen»?

Jetzt steigen die Corona-Zahlen erneut, weitergehende Einschränkungen des Lebens sind nicht ausgeschlossen. Wieder stellt sich die Frage nach der Solidarität. Die Antwort freilich muss einen neue sein. Denn mit der Verfügbarkeit von Impfungen gegen das Coronavirus hat sich die Lage fundamental verändert.

Entscheidend ist dies: Mit der Impfung hat es jede Person in der Hand, die eigene Gefährdung massgeblich mitzubestimmen. Man nennt das Eigenverantwortung. Mehr noch: Geimpfte reduzieren auch für andere die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung. Man nennt das Solidarität. In Summe kann man die Bevölkerung damit in zwei Gruppen einteilen: Die eigenverantwortlich solidarische Gruppe und die eigenverantwortlich unsolidarische.

Eine Diskriminierung der Impfverweigerer ist gerechtfertigt

Solange es keinen Impfzwang gibt – dieser ist weder wünsch- noch politisch denkbar – wird diese Einteilung Bestand haben. Künftige Corona-Regeln werden sie mehr als heute noch berücksichtigen müssen. Will heissen: Verschärfungen sollten vor allem jene treffen, die sich aus freien Stücken einer Immunisierung entziehen. Jene Personen, die bereits genesen oder geimpft sind, müssen hingegen so weit wie praktikabel ausgenommen werden. Man kann von ihnen keine Solidarität erwarten.

Gewiss, das läuft auf eine Diskriminierung der Impfverweigerer hinaus. Aber erstens ist diese sachlich gerechtfertigt. Und zweitens werden diese Personen nicht wegen einer persönlichen Eigenschaft, sondern wegen einer frei gewählten Unterlassung schlechter gestellt. Das ist nichts Störendes, sondern der gewöhnliche Lauf der Dinge. Eigenverantwortung hat im Leben immer Konsequenzen: Wer sich bei der Arbeit nicht anstrengt, hat geringere Karrierechancen; wer nicht regelmässig trainiert, wird sportlich einrosten.

Impfobligatorium für gewisse Tätigkeiten

Was bedeutet dies nun für allfällige Verschärfungen des Corona-Regimes? Erstens ist festzustellen, dass ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung weder geimpft ist, noch – nach jüngsten Umfragen – eine Impfung plant. Dies trifft sogar für die besonders verwundbaren älteren Personengruppen zu. Es kann aber nicht sein, dass die Geimpften und Genesenen für diese Entscheidung in Solidarhaftung genommen werden.

Umgekehrt wäre es richtig: Wenn Verschärfungen nötig sind, dann sollen sie besonders die Ungeimpften treffen. Sie müssten die ersten sein, die nicht mehr in Restaurants, Bars, Clubs, Theater und Konzertsäle dürften. Sie müssten auch die letzten sein, die sich der Masken entledigen dürfen, wenn es irgendwann weitere Lockerungen gibt.

Man kann nun einwenden, mit einem derartigen Regime stelle man die Ungeimpften derart schlechter, dass es faktisch eben doch auf einen Impfzwang hinauslaufe. Das ist falsch. Richtig ist: Es läuft auf ein Impfobligatorium für gewisse Tätigkeiten hinaus. Genauso, wie man beim Autofahren einen Sicherheitsgurt anziehen muss. Das ist obligatorisch. Ein Zwang ist es aber nicht. Denn man kann aufs Autofahren auch verzichten.

Wichtig wäre nun ein politisches Signal, dass die Reise in diese Richtung geht. Denn paradoxerweise stiege damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass wir sie gar nicht antreten müssen. Menschen antizipieren. Wird ihnen klar, dass sie als Ungeimpfte erhebliche Nachteile zu erleiden drohen, dann entscheiden sie sich vielleicht doch noch für den Piks. Und ersparen damit sich und allen anderen viel Ungemach.