Nach «Charlie Hebdo»
Wo sind die Grenzen der Toleranz?

Sollen wir etwa Intoleranz mit Intoleranz bekämpfen? Diese Frage war in den letzten Wochen im Nachgang zu den Anschlägen auf «Charlie Hebdo» mehrfach zu hören. Ein vorwurfsvoller Unterton wäre indes falsch gewählt.

Katja Gentinetta
Katja Gentinetta
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Erste Ausgabe von Charlie Hebdo nach dem Anschlag auf die Redaktion

Erste Ausgabe von Charlie Hebdo nach dem Anschlag auf die Redaktion

Keystone

Toleranz gehört unbestritten zu den Kernpostulaten moderner Gesellschaft. Dennoch ist Intoleranz nicht generell als moralisch verwerflich zu verurteilen, sofern sie begründet ist und im rechtlichen Rahmen geschieht. Konkret nämlich stellt sich die Frage, wann und bis wohin Toleranz zu üben ist und wann Intoleranz angezeigt sein kann. Im Fall des Terroranschlags in Paris und allen weiteren vereitelten und geplanten Anschlägen lautet die Antwort auf die eingangs gestellte Frage klar: ja.

Toleranz ist anstrengend und kostet zuweilen echte Überwindung

Der wichtigste Punkt im Ringen um Toleranz ist nämlich die Festlegung ihrer Grenze. Die Forderung nach Toleranz oder gar mehr Toleranz macht nur Sinn, wenn klar ist, wem oder was gegenüber Toleranz zu üben ist und bis wohin diese reicht. Nur dann ist es möglich, Toleranz zu üben. Denn Toleranz tut weh. Sie ist schwierig, anstrengend und sie kostet zuweilen echte Überwindung. Wir entscheiden uns zwar aus guten Gründen, aber entgegen unserer Neigung, etwas zu tolerieren, was wir eigentlich ablehnen. Damit unterscheidet sich Toleranz denn auch klar von der Akzeptanz: Was wir akzeptieren oder akzeptieren gelernt haben, fällt uns nicht mehr schwer, fordert uns nicht mehr heraus. Es gehört zu uns. Toleranz ist somit das schwierige Feld zwischen Akzeptanz und den Grenzen der Toleranz.

Dass beispielsweise junge Frauen bei uns den Schleier tragen, gehört inzwischen zu unserem Alltag. Sofern sie nicht unter einer Unterdrückung leiden, die gegen unsere Vorstellungen von der Gleichberechtigung der Geschlechter in Ehe, Familie und Öffentlichkeit verstösst und ihnen der Weg zu einer schulischen und beruflichen Laufbahn ebenso offen steht wie ihren Brüdern, mag uns der Schleier zwar stören, aber wir haben ihn zu tolerieren.

Die Geschichte der Toleranz ist eine blutige. Und sie zeigt eindrücklich auf, wo jeweils die Grenze der Toleranz gegenüber Anders- und Ungläubigen erreicht war. Die Forderung nach Religionsfreiheit wurde mit der Reformation akut – und mündete im Dreissigjährigen Krieg. Ein erster Akt der Toleranz war es, andersgläubige Gemeinschaften nicht mehr zu verfolgen, sondern ihre Praxis zu billigen – sofern sie den Frieden und die Sicherheit im Land nicht gefährdeten. Später wurde die Autonomie des Einzelnen in religiösen Fragen, seine Gewissensfreiheit, gefordert. Diese Auseinandersetzung führte schliesslich zur bis heute für uns gültigen und bewährten Trennung von Kirche und Staat. Dazu gehören die freiwillige Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft ebenso wie die Loslösung politischer Rechte vom religiösen Bekenntnis. Auch hier verlief die Grenze der Toleranz gegenüber Anders- oder Nichtgläubigen und ihrer Praktiken seit je entlang der Interessen der Gesellschaft: Eine Gefährdung des sozialen Friedens oder gar Gewalt wurden nicht toleriert.

Die Grenze der Tolerierbarkeit ist beim Töten erreicht

Damit wird auch klar, wie auf Menschen zu reagieren ist, die sich den fanatischen Bewegungen des Islam anschliessen, dafür Propaganda machen oder deren Taten auf welche Weise auch immer relativieren oder entschuldigen. Dies ist klar nicht zu tolerieren. Wer tötet, zum Töten aufruft oder das Töten relativiert, gefährdet unseren Frieden und unsere Sicherheit und überschreitet damit die Grenze des Tolerierbaren klar. Und zwar unabhängig davon, in wessen Namen er oder sie dies tut.

Anhand dieses mit wenigen Strichen gezeichneten Konzepts der Toleranz sollte klar geworden sein, dass es nicht darum geht, «den Islam» oder «die Muslime» bei uns zu tolerieren oder nicht. Vielmehr geht es darum, Handlungen, die eindeutig gegen das Gesetz verstossen und den Frieden und die Sicherheit gefährden, in aller Schärfe zu verurteilen – letztlich unabhängig davon, ob sie auf Fanatismus, egal welcher Richtung, gründen oder nicht. Solche Handlungen sind nicht zu tolerieren. Sie sind im Rahmen unserer rechtsstaatlichen Mittel zu verurteilen und zu verfolgen. Intoleranz gegenüber Intoleranz bedeutet in diesem Fall somit schlicht das Bekämpfen von Verstössen gegen die Sicherheit, die Ordnung und die Menschenrechte.

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