Gastkommentar

Wir und die Anderen: Gegen Rassismus und Diskriminierung – mit Tatsachen gegen Vorurteile

Zu Corona-Zeiten herrschten in den Social Media paradiesische Zustände. Statt Bullshit dominierte Ernsthaftes.

Thomas Kessler
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Der Mob mit Trollen und Parteisoldaten hielt sich zurück, zu kritisch war die Lage. Inzwischen sind sie wieder da und toben sich weidlich aus – im Netz und auf der Strasse. Impulsgeber sind wie oft die USA. Ein Video zur Polizeigewalt in über 7000 km Entfernung löst hier wesentlich mehr aus als die neuen Berichte über die akute Sklaverei direkt vor Europas Haustür – etwa in Libyen (2000 km) oder die Ermordung kurdischer Frauenrechtlerinnen in Kobane (3500 km) mit Drohnen-Attacken.

Stattdessen wird in der Komfortzone CH um die Umbenennung von Süssgebäck gestritten oder der Pizza Hawaii, einer kulinarischen Verirrung, von einem Griechen 1962 in Kanada erfunden. Der Migros-Bann gegen die (Dubler-)Mohrenköpfe musste von Migros Basel umgehend präzisiert werden – die Zürcher wussten schlicht nicht, dass die (Basler) Richterich-Mohrenköpfe aus Laufen (seit 1994 BL) nach dem bernischen Moore (für Mutterschwein) benannt sind, der Bezeichnung im Tal für die Laufener. Sie wurden im Wiener Kongress den Bernern zugeschlagen.

Denkmäler: Lieber verhüllen und reflektieren statt verschmieren

Intelligentes gab es im Baselbiet, wo die Juso das Denkmal des General Sutter (1803–1880) verhüllten, kommentiert mit interessanten Beiträgen von Historikerinnen. Sie haben profunde Reflexion statt Epoche-überspringenden Moralismus empfohlen.

So viel Klugheit wünschte man den Aktivisten. In Lissabon wurde das Denkmal von António Vieira (1608–1697) verschmiert – dem Kritiker kolonialer Missstände. Er war Kämpfer gegen die Sklaverei und für die Rechte der Indios und Juden.

Wie schon in der bunten Bewegung gegen die Corona-Massnahmen ist offenbar auch in der Rassismus-Debatte der Antisemitismus unvermeidlich – Pink-Floyd-Musiker Roger Waters hat auf Memri-TV eine schnurgerade Linie von den Juden zur Polizeigewalt in Minneapolis gezogen. Verirrung auch in Zürich: Dort wurde an einer BLM-Demo ein dunkelhäutiger Polizist angegriffen.

Die Politsendung «Arena» hat zweimal versucht, die angelsächsische Black&White-Debatte auf die Schweiz runterzubrechen – mal konfrontativ, mal ganz soft in Safe Space. Es war gut gemeint, zurück bleibt aber die Aussage einer Wissenschafterin, die Frage nach der Herkunft einer fremden Person sei stets rassistisch.

In der viersprachigen Schweiz, wo aus Interesse bereits die Nuancen im Dialekt zu dieser Frage führen, entspricht das nicht unbedingt der Lebenswirklichkeit. Übrigens auch nicht in den 197 anderen Staaten, welche notabene mit Ausnahme von Palau, Mikronesien und Tuvalu allesamt mit Zugezogenen hier vertreten sind. In unseren Städten stammt die Hälfte der Kinder aus internationalen Familien, die Schweiz gehört mit Singapur und Luxemburg zu den meistglobalisierten Ländern der Welt.

Fachstellen wissen Bescheid, Aktivisten meist nicht so gut

Weltfremdes und Paternalismus im Mäntelchen des Aktivismus hilft niemandem, es gibt solides Know-how zu «Wir und die Anderen». Viele Immigrierte sind erfolgreich engagiert. Seit über 20 Jahren gibt es Fachstellen für Integration und Antidiskriminierung. Die beiden Basel betreiben zusätzlich eine niedrigschwellige, unabhängige Meldestelle – wie sie jetzt mit Motionen wieder gefordert werden. Schon beim Aufbau wurde das Ethnologische Seminar sowohl in die Strategie wie in die Polizeiausbildung einbezogen. Der Austausch mit den Communities wurde etabliert – und jetzt reaktiviert. Alima Diouf dazu: «Polizisten helfen uns mehr als radikale Aktivisten.»

Die Anliegen der Zugezogenen aus den warmen Zonen betreffen übrigens nicht Symbolik, sondern Konkretes zu Aufenthalt, Recht, Erziehung, Bildung, Gesundheit und Arbeit. Die erste Kampagne für sachliche Information und Dialog nannten wir 2000 «Tatsachen gegen Vor- urteile». Sie ist wieder nötig.

Der Autor führt ein Beratungsunternehmen mit Schwerpunkt Migration, Integration und Sicherheitsfragen. Thomas Kessler ist Mitglied des Publizistischen Ausschusses der CH Media.