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Kolumne

Wie viel Pflege braucht die Sprache?

Sprache verändert sich - und muss entsprechend gepflegt werden. Doch wie stark soll man eingreifen?
Mario Andreotti
Mario Andreotti, Dozent für Neuere deutsche Literatur und Buchautor.

Mario Andreotti, Dozent für Neuere deutsche Literatur und Buchautor.

Die Situation ist geradezu paradox: Einerseits hat die Sprachpflege heute, seit dem Aufkommen einer deskriptiven Linguistik, einen eher schlechten Ruf, gilt sie als antiquiert, andererseits aber wird zunehmend über den vermeintlichen Verfall der deutschen Sprache geklagt. Wie steht es denn wirklich um unsere Sprache? So lässt sich zu Recht fragen.

Machen wir uns zunächst klar, dass sich die Klage, die deutsche Sprache sei dem Verfall preisgegeben, durch mehrere Jahrhunderte zurückverfolgen lässt. Schon in der Barockzeit gab es Gelehrte und Autoren, die überzeugt waren, man müsse die «Teutsche Hauptsprache», wie Justus Georg Schottelius sie nannte, reinigen, um sie vor dem Untergang zu retten. Als gefährlich empfanden diese Sprachreiniger, die sich in Vereinigungen wie der «Fruchtbringenden Gesellschaft» oder dem «Elbschwanenorden» zusammenschlossen, vor allem die zeitgenössische Mode der französischen Fremdwörter. Mit veränderten Akzenten und Argumenten betrieb man auch im 18. und 19.Jahrhundert Sprachpflege. 1885 wurde der «Allgemeine deutsche Sprachverein gegründet», der es sich erneut zum Hauptziel machte, Fremdwörter möglichst durch deutsche Neubildungen, Telefon beispielsweise durch Fernsprecher oder Automobil durch Kraftfahrzeug, zu ersetzen.

Heute kann es in der Sprachpflege nicht mehr primär darum gehen, Fremdwörter zu bekämpfen. Das gilt selbst mit Blick auf die zunehmende Verdrängung deutscher Wörter durch englische, und dies auch in Bereichen, wo Anglizismen oder auch nur Pseudoanglizismen durchaus entbehrlich wären. Unter den Bedingungen der Globalisierung laufen hier Prozesse, die offenbar nicht mehr umkehrbar sind. Sprachpflege in einem modernen Verständnis muss vielmehr darin bestehen, oberflächlichen oder irreführenden Sprachgebrauch, vor allem in der medialen Öffentlichkeit, aufzudecken. Was ist damit gemeint?

Sprache kann bekanntlich gebraucht und missbraucht werden. Das hat uns gerade die deutsche Geschichte zur Genüge gelehrt. Wörter sind Träger von Bedeutungen und Bedeutungen lassen sich ideologisch festlegen. Wir sprechen dann von Sprachlenkung. Wenn da Preisanpassung gesagt wird, aber Preiserhöhung gemeint ist, wenn anstatt von radioaktiv verseuchtem Müll von Sondermüll die Rede ist und wenn ein Arbeitnehmer nicht entlassen, sondern nur freigestellt wird und wenn schliesslich die Presse verkündet, die Krankenkassenprämien würden nächstes Jahr «nur moderat» steigen, obwohl sie doch erneut steigen, so hat das alles mit Sprachlenkung zu tun. Ihr verwandt ist die Sprachentleerung, sind sprachliche Leerformeln, wie wir sie vor allem in Reden von Politikern finden. Wenn Politiker stets das «Gemeinwohl» im Auge haben, davon sprechen, dass es ihnen um den «gesellschaftlichen Zusammenhalt» gehe, weil wir angeblich «alle im gleichen Boot sässen», dann handelt es sich um reine Leerformeln, deren Inhalt vollkommen verschwommen bleibt.

Nicht besser steht es um die Verständlichkeit unserer Sprache, die in vielen, nicht nur akademischen Bereichen immer häufiger zu einem hochtrabenden Wortschwulst verkommt, bei dem es nicht mehr um Klarheit, sondern um das Schinden von Eindruck geht. Ein Beispiel aus der Bundesverwaltung mag das illustrieren: «Dass es längerfristig, primär aus Gründen der demografischen Alterung, einen finanziellen Mehrbedarf gibt, hat der Bundesrat nicht in Abrede gestellt.» Im Klartext heisst das wohl, dass die Leute immer älter werden, so dass die AHV mehr kostet, was der Bundesrat nicht bestreitet. Aber das ist für Bundesbeamte, und nicht nur für sie, wohl zu einfach, zu verständlich, zu wenig beeindruckend. Dabei ist – keine Frage – gutes Deutsch verständliches Deutsch.

Wie viel Pflege braucht die Sprache? Darüber lässt sich streiten. Dass sie aber Pflege braucht, dass Sprachbildung gerade in der Schule dringender denn je ist, dürfte unbestritten sein. Denn erinnern wir uns an Ludwig Wittgensteins berühmtes Wort im «Tractatus»: «Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.»

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