Die Freitags-Kolumne
Vor jeder Disco richtet ein Bonsai-Despot

Endlich wird geklagt – gleich reihenweise. Die letzte Scheinautorität des Spass-Zeitalters wankt: der Türsteher.

Max Dohner
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Wohin wollen sie denn gehen?

Wohin wollen sie denn gehen?

Auch dieser Bonsai-Diktator muss fallen: vor jeder Lounge oder Diskothek, vor urbanen Glitzerpforten wie beim Entree aus verschossenem Plüsch in Liestal oder Aarau. Muss stürzen vom künstlichen Podest, das der Türsteher allein dem Exklusiv-Getue der Clubs verdankt. Und trotzdem verteidigte, als wärs sein privates Jüngstes Gericht, bei dem er jede Nacht alle Ausgangssüchtigen in Gesegnete und Verteufelte schied.

Immer habe ich diese Schaubuden-Mussolinis gehasst. Diese selbst berauschten Schleusenwärter. Zwitter-Machos zwischen King Kong, Nachtportier und Jackie Chan. Ihretwegen ging ich in keinen Club, mochten andere da sogar Schlange stehen, selbst bei Dauerregen. Zu unerträglich war nur schon der Gedanke, von einem dort postierten, tätowierten Kasten stumpf geprüft, nach haarsträubenden Kriterien beurteilt und aufgrund dümmsten äusseren Scheins dann eingelassen oder fortgewedelt zu werden. So was tat ich mir nicht an.

Nun also wird geklagt. Gegen die Branche. Gegen ihre Willkür, Menschen auszusperren oder ins Walhalla vorzulassen. In Hannover klagt ein 29-Jähriger gegen eine Grossdisco. Sollte ein Türsteher den Studenten erneut abweisen, droht dem Club ein «Ordnungsgeld» von bis zu 250 000 Euro. In München will ein Mann aus Burkina Faso gleich zehn Diskotheken verklagen. Auch in Leipzig, Hamburg und Heilbronn seien derzeit solche Prozesse hängig, schreibt diese Woche das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel».

Mit «Exklusivität» schaffen nicht bloss Clubs Inseln im weiten Wattenmeer der Demokratie. Jeder will gleichzeitig gleich und über andere Gleiche erhaben sein. Vielleicht ist das gar kein Zeichen der Zeit, sondern ein alter Drang des Menschen dort, wo er sich in allen untergehen fühlt. Individualität? Natürlich! Es wundert nur, weshalb so mancher sich diese von Türstehern zuweisen lässt.