Kolumne
Unser Minutengedächtnis

Wenn sich die Schweiz vor allem an historische Niederlagen erinnern sollte, so wie es Christoph Blocher predigt, dann dürfte dereinst die Aufgabe des Bankgeheimnis gefeiert werden. Die Kolumne von Historiker Georg Kreis.

Georg Kreis
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«Rückzug von Marignano, 1897/98» von Ferdinand Holder in der Ausstellung «1515 Marignano» im Landesmuseum Zürich.

«Rückzug von Marignano, 1897/98» von Ferdinand Holder in der Ausstellung «1515 Marignano» im Landesmuseum Zürich.

Plötzlich diese Hinwendung zur Geschichte – zur Schweizer Geschichte beziehungsweise zu dem, was man für sie hält. Zur Zeit natürlich zurück bis Marignano. Warum aber da stehen bleiben?

Ist doch eine Ungerechtigkeit gegenüber denjenigen, die 58 v. Chr. bei Bibracte für die Schweizer Geschichte gekämpft und für die noch nicht bestehende Schweiz Ehre erworben haben.

Unser Blocher ist aber nicht der damalige Divico, denn er führt die Schweiz nicht aus ihrem Land hinaus, sondern wie bei Marignano in sein tiefstes Innere hinein. Anknüpfend an Marignano verkündet Christoph Blocher die grundfalsche These, die kleine Schweiz gedenke, was eben ihre Grösse dokumentiere, vor allem ihrer Niederlagen. Dabei verweist er auf das bekannte Löwendenkmal in Luzern und das Suworow-Denkmal in der Schöllenen.

Das eine war ein privates Aristokratendenkmal für gefallene Kameraden, das andere wurde von einem Russen errichtet. Diesen Monumenten stehen Dutzende von tatsächlichen Siegesdenkmälern gegenüber, von Morgarten über Sempach zum Stoss. Selbst Marignano konnte in einen moralischen Sieg umgedeutet werden. Details der Geschichte.

Geschichte hat kein Gedächtnis, nur wir haben eines

Wenn uns Niederlagen so wichtig wären, hätten wir den Untergang des Ausländer-Bankgeheimnisses feiern können. Datum und Ort dieser Schlacht wären allerdings schwer auszumachen. Diese Niederlage hat aber stattgefunden. Welchen Stellenwert hat sie in unserem Gedächtnis? Das Bankgeheimnis – wir könnten da nostalgisch werden: «Once upon a time...»

Wir sollten uns aber nicht an das Bankgeheimnis selber, wir sollten uns an unseren Umgang mit ihm erinnern, vor allem an die grossen Worte, mit denen es bis vor kurzem verteidigt worden ist.

Stellvertretend für alle anderen: Hat da nicht der kleine Appenzeller Finanzminister der kleinen Offshore Schweiz im März 2008 einst vor dem Nationalrat gross verkündet: «An diesem Bankgeheimnis werdet Ihr euch die Zähne ausbeissen.» Die meisten haben das aber vergessen. Wenn es Erinnerung gibt, dann bezieht sie sich lieber auf Hans Rudolf Merz’ Lachanfall wegen der Zollvorschriften zum «Bü-hü-hündnerfleisch», was den älteren Herrn im strengen grauen Anzug zum Youtube-Star gemacht hat.

Von der Geschichte sagt man, sie habe ein langes, Politik dagegen nur ein kurzes Gedächtnis. Doch beide haben überhaupt kein Gedächtnis. Nur wir haben eines – oder nicht. Jedenfalls ein selektives. Die Schweiz mag in vielem ein Sonderfall sein. In diesem Fall ist sie es nicht. Auch andere Nationen funktionieren so. Auch da werden vor allem Extremausschläge (oder was als das verstanden wird) in Erinnerung behalten. Vor allem die Siege, etwas weniger die Niederlagen. Kaum der dazwischen liegende Alltag.

Wenn wir kein historisches Gedächtnis haben, können uns andere leichter manipulieren. Wir sollten aber vor allem gegenüber uns selber ein gutes Gedächtnis haben.

Es ist bereits drei Wochen her, aber ich erinnere mich noch: Da haben in Brüssel in Anwesenheit von Kameras unser Staatssekretär Jacques de Watteville und ein EU-Gegenüber das Abkommen über den automatischen Informationsaustausch in Steuersachen unterschrieben. Die Presse titelte am 20. März 2015: «Bankgeheimnis ist Geschichte» oder, am gleichen Tag: «Der letzte Sargnagel für das Bankgeheimnis».

Die aktuelle Debatte verdient den Namen «Historikerstreit» nicht

Zur Aufhebung des absoluten Bankgeheimnisses nur für Nichtschweizer gibt es kein klares historisches Datum wie bei Marignano. Die Aufgabe der Geschichtsschreibung wird dereinst darin bestehen, den Nachgeborenen aufzuzeigen, wie es in einem illusionären Rückzugsgefecht schleichend aufgegeben wurde. Wahrscheinlich wird dies auch beim Widerstand gegen den EU-Beitritt einmal so laufen.

Die aktuelle Geschichtsdebatte ist völlig unverhältnismässig und verdient nicht den Namen «Historikerstreit». Diese Themenbewirtschaftung lenkt von den wirklich wichtigen Fragen ab. Mag sein, dass da vorsätzliche Ablenker am Werk sind. Ausschlaggebend ist jedoch, dass wir uns selber ablenken. Man kann zwar sagen, dass der Weg zu den wichtigen Fragen, insbesondere zur Frage, wie wir uns der EU gegenüber verhalten wollen, eben über Morgarten und Marignano läuft. Die Gefahr ist allerdings gross, dass wir auf diesem Umweg stecken bleiben und gar nicht bis zu den wirklichen Zukunftsfragen vorstossen.

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