Per Autostopp um die Welt (89)
Und der Mexikaner sprach: Unsere tägliche Tortilla gib uns heute

In Woche 89 reist Thomas Schlittler von San Cristóbal de las Casas (Mexiko) nach Flores (Guatemala). In Mexiko trifft er auf ein Imperium, das mit Tortillas Milliarden verdient – und verrät, welches sein Lieblingstortilla ist.

Thomas Schlittler
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Thomas Schlittler: Tortillas in Mexiko
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Der Schriftzug auf Miguels Hemd verrät, für wen er arbeitet – für Maseca, eine Marke, die zum grössten Tortilla-Konzern der Welt gehört.
Doch nicht allen gefällt die Industrialisierung der Tortilla. Elvira, die uns vor ein paar Wochen spontan zum Essen eingeladen hat, macht ihre Tortillas noch ganz traditionell von Hand.
Und zwar von A bis Z.

Thomas Schlittler: Tortillas in Mexiko

Thomas Schlittler

„Auch diese Tortillas sind von uns“, sagt Miguel schmunzelnd. Der dreifache Familienvater sitzt mit meiner Freundin Lea, meinem Kumpel Tschügge und mir in einem kleinen Restaurant im südmexikanischen Niemandsland und schiebt sich das mexikanische Grundnahrungsmittel genüsslich in den Mund. Die Tortilla wurde aus dem Teig seines Arbeitgebers hergestellt.

Miguel arbeitet seit 13 Jahren für Maseca. Das Unternehmen ist Teil des mexikanischen Gruma-Konzerns, des weltweit grössten Herstellers von Maismehl und Tortillas. Angefangen hat die Erfolgsgeschichte von Gruma 1949. Damals stiess Firmengründer Roberto González Barrera zufällig auf eine Maschine, die Maismehl herstellt. Barrera kaufte sie für viel Geld – und trieb sich damit fast in den Ruin. Denn die Qualität war so schlecht, dass Barreras Tortillas nicht einmal seiner eigenen Familie schmeckten.

Bilder von Thomas Schlittlers 89. Woche als Weltreisender:

Unsere Woche beginnt mit einem Tagesausflug zum Canon del Sumidero, ein Canyon mit bis zu über 1'000 Meter hoch aufragenden Felswänden.
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Der Cañón del Sumidero und das umliegende Gebiet ist ein über 20'000 Hektaren grosser Nationalpark.
In dem Gebiet leben Pelikane – und beinahe 200 weitere Vogelarten ...
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Der Fluss wird zudem von Krokodilen bevölkert. Für mich ist es eine Premiere.
Es ist das erste Mal, dass ich Krokodile in freier Wildbahn beobachten darf.
Von San Cristobal de las Casas nach Rancho Nuevo: Weiter Richtung Norden geht es auf einem Pick-up-Truck. Doch nur für eine kurze Strecke.
Von Rancho Nuevo nach Palenque: Danach sitzen wir bequem im Auto von Manuel und seiner kleinen Familie. Die drei sind mexikanische Touristen.
Sie haben deshalb das gleiche Ziel wie wir: Die wunderschönen Agua-Azul-Wasserfälle.
Insgesamt bestehen die Wasserfälle aus über 500 einzelnen Kaskaden, die eine Höhe von zwei bis zu 30 Metern erreichen.
Der hohe Mineraliengehalt des Wassers verleiht der Wasserfallkaskade ein sehr intensives Leuchten.
Nach dem Bestaunen der Wasserfälle lädt uns Manuel noch auf ein Bier ein. Danach fährt uns die kleine Familie an unser Tagesziel Palenque.
In Palenque befinden sich die Ruinen einer ehemaligen Mayametropole, die seit 1987 zum Unesco-Weltkulturerbe gehören.
Die ersten Spuren der Besiedelung lassen sich im 4. Jahrhundert nachweisen. Im 6. Jahrhundert entwickelte sich Palenque zu einer lokalen Grossmacht.
Ein Besuch wert ist auch der nahegelegene Misol-Ha-Wasserfall.
Der Wasserfall hat eine Höhe von 35 Metern.
Von Palenque nach Nuevo Sonora: Dann bricht unser letzter Tag an in Mexiko. Wie so oft beginnt der Reisetag auf einem Pick-up-Truck.
Der Schriftzug auf Miguels Hemd verrät, für wen er arbeitet – für Maseca, eine Marke, die zum grössten Tortilla-Konzern der Welt gehört.
Von Kreuzung zur Grenze nach Grenzposten I: Zur Grenze fahren wir auf einem geschlossenen Pick-up-Truck, den wir uns mit Feldarbeitern teilen.
Grenzposten I nach Frontera Corozal: Wir sind aber noch immer nicht ganz an der Grenze. Dazu brauchen wir noch die Hilfe dieses älteren US-Abenteuerpärchens.
Von Frontera Corozal nach Bethel: Die Grenze nach Guatemala überqueren wir mit einem kleinen Boot. Sie knüpfen uns dafür zehn Franken ab pro Person.
Von Bethel nach Grenzposten III: Auf der guatemalischen Seite liest uns ein Bus auf. Er bringt uns kostenlos zum Immigrationsbüro.
Von Grenzposten III nach Kaff im Nirgendwo: Unsere erste richtige Fahrt in Guatemala verbringen wir auf einem Pick-up.
Die Strasse ist holprig und unser Fahrer ist geschätzte 14 Jahre alt. Aber er hat ein extrem freundliches Lachen. Ein guter Start in Guatemala!
Vom Kaff im Nirgendwo nach Flores: Danach nimmt uns wieder ein Bus mit. Wir sagen den Fahrern Tausend Mal, dass wir per Anhalter unterwegs sind und nicht...
... für den Bus bezahlen wollen. Aber sie bestehen darauf, dass sie uns mitnehmen – kostenlos. Zu unseren Mitfahrern gehört unter anderem dieser Truthahn.

Unsere Woche beginnt mit einem Tagesausflug zum Canon del Sumidero, ein Canyon mit bis zu über 1'000 Meter hoch aufragenden Felswänden.

Thomas Schlittler

Selbst als der Teig besser wurde, hatte der Unternehmer zunächst grosse Mühe, die mexikanischen Hausfrauen davon zu überzeugen, die Herstellung ihres Tortillateigs seiner Maschine zu überlassen. Schliesslich siegte aber die Bequemlichkeit und Barreras Unternehmen startete durch. Heute beschäftigt der Gruma-Konzern weltweit rund 18'000 Menschen und erzielte 2015 einen Umsatz von rund 3,5 Milliarden Franken. Der wichtigste Markt für Gruma ist mittlerweile nicht mehr Mexiko sondern die USA – dank des kulinarischen Heimwehs der Millionen Exil-Mexikaner.

Ein Milliardenimperium dank Tortillateig? Nach zwei Monaten in Mexiko überrascht mich das nicht mehr. Denn in Mexiko ist die Tortilla allgegenwärtig. Sie ist mehr als das tägliche Brot, wie wir es in der Schweiz kennen. Tortilla wird nicht nur zum Frühstück gegessen, sondern gehört auch bei jeder anderen Mahlzeit dazu. Selbst wenn man ein üppiges Menü bestellt, das problemlos satt macht, stellt die Kellnerin zusätzlich noch ein Körbchen auf den Tisch, in dem dampfend heisse Tortillas liegen - in der Regel liebevoll eingepackt in ein Tüchlein.

In Tortillas kommt einfach alles rein

Es gibt kaum etwas Essbares, was die Mexikaner nicht in ihre Tortillas stopfen: Fleisch, Meeresfrüchte, Käse, Gemüse – und dazu ein bisschen Guacamole oder eine scharfe Salsa. Auch was die Zubereitung betrifft, sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Und selbst wenn die Tortillas nicht mehr frisch sind, werden sie nicht einfach weggeworfen, sondern zerschnitten und zu einer Art Flädlisuppe verarbeitet oder aber frittiert und zu Tortilla-Chips gemacht.

Ein Mexikaner isst im Schnitt zwischen 70 und 100 Kilogramm Tortillas pro Jahr - je nach Quelle. Wie viel das ist, rechnet der deutsche Journalist Jürgen Neubauer in seinem Buch „Mexiko – ein Länderporträt“ eindrücklich vor: „Aneinandergelegt reichen die Tortillas, die 110 Millionen Mexikaner an einem einzigen Tag verdrücken, mehr als fünf Mal um den Äquator. Mit einer Jahresration könnte man eine zweispurige Autobahn zum Mond bauen, und in tausend Tagen ganz Mexiko mit seinen rund 2 Millionen Quadratkilometern vollständig zupflastern.“

Im Vergleich mit diesen Zahlen sind die 30 Tonnen Maismehl, die Miguels Grosskunde alle zwei, drei Wochen kauft, fast vernachlässligbar. Doch Miguel setzt sich trotzdem 10 Stunden ins Auto, um dem Geschäftspartner die Hand zu schütteln: „Kundenpflege ist wichtig, denn die Konkurrenz schläft nicht.“ Sein Arbeitgeber Gruma ist in Mexiko zwar nach wie vor klarer Marktführer, aber mittlerweile wollen auch andere mit der industriellen Produktion von Maismehl und Tortillas Geld verdienen.

Diese Industrialisierung der Tortilla gefällt nicht allen. Einige Mexikaner sind nach wie vor der Meinung, dass eine selbstgemachte Tortilla um Welten besser sei als eine aus der Fabrik. Mit einem Augenzwinkern frage ich deshalb Miguel: "Was schmeckt dir besser, eine Tortilla deiner Mutter oder eine deines Arbeitgebers?" Miguel muss lachen, lässt sich aber nicht aus der Reserve locken: "Sie schmecken beide gut. Einfach etwas unterschiedlich", sagt er diplomatisch.

PS: Mein Favorit unter allen Tortilla-Menüs ist übrigens der Taco al Pastor. Dieser ist mit rötlichem, perfekt gewürzten Schweinefleisch gefüllt, das an einem Drehspiess gegrillt wird. Es ist sozusagen ein Döner mexikanischer Art, der Ende des 19. Jahrhunderts dank libanesischen Einwanderern ins Land kam. Aber das ist eine andere Geschichte ...

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