Radsport
Stefan Küng ist nicht Fabian Cancellara

Eine Einschätzung zur ersten Profisaison der grossen Schweizer Radhoffnung Stefan Küng. Fest steht, Cancellaras Nachfolge als Aushängeschild des Schweizer Radsports gilt längst als gesichert.

Simon Steiner
Simon Steiner
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Stefan Küng während des Giro d’Italia, bei dem er sich später einen Brustwirbelbruch zuzog und deshalb mehrere Monate pausieren musste.freshfocus

Stefan Küng während des Giro d’Italia, bei dem er sich später einen Brustwirbelbruch zuzog und deshalb mehrere Monate pausieren musste.freshfocus

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Der Vergleich mit Fabian Cancellara könnte einen jungen Fahrer zur Verzweiflung treiben. Es sind grosse Fussstapfen, oder vielmehr kräftige Pedaltritte, an denen die kommende Generation von Schweizer Radprofis gemessen wird. Gleichzeitig rückt Letztere umso stärker in den Fokus der Öffentlichkeit, je näher das Ende von Cancellaras
Karriere kommt. Der mit Abstand erfolgreichste Schweizer Profi des letzten Jahrzehnts wird das Velo aller Voraussicht nach im nächsten Jahr an den
Nagel hängen.

Dabei gilt Cancellaras Nachfolge als Aushängeschild des Schweizer Radsports längst als gesichert. Dem Thurgauer Stefan Küng, der an den Weltmeisterschaften im amerikanischen Richmond eben seine Strassensaison als Profi beendet hat, ist der Ruf schon seit Jahren vorausgeeilt, der neue Cancellara zu sein. Dass Küng sein ausserordentliches Talent bereits zu Juniorenzeiten unter Beweis gestellt hat, ist das eine; dass er von der Postur her an den Klassiker- und Zeitfahrspezialisten Cancellara erinnert, das andere.

Küng mag – bei allem Respekt für sein Kindheitsidol – den immer wiederkehrenden Vergleich mit Cancellara nicht besonders, lässt sich dadurch aber auch nicht aus der Bahn werfen. Der 21-jährige Ostschweizer ist intelligent und
bodenständig genug, sich nicht durch schmeichelhafte Attribute zur Überheblichkeit verführen zu lassen. Zugleich ist er ehrgeizig und selbstbewusst genug, seinen eigenen Weg zu gehen und sich eigene hohe Ziele zu setzen. Und zwar ohne Ehrfurcht vor den Stars der Szene. «Ich lerne am meisten, wenn ich versuche, um den Sieg mitzufahren», erläuterte der Neoprofi diesen Frühling in der «Nordwestschweiz» seine Art, sich seinen Platz im Peloton zu suchen.

Siege und ein Wirbelbruch

Und die Bilanz seiner ersten Profisaison kann sich sehen lassen – obwohl er nach einem Brustwirbelbruch beim Giro d’Italia mehrere Monate ausfiel. Dem Weltmeistertitel in der Bahn-Einzelverfolgung liess Küng im Frühling bei der Volta Limburg Classic und bei der Tour de Romandie seine beiden ersten Strassensiege folgen – nachdem er krankheitshalber erst später als geplant ins Renngeschehen eingestiegen war. Am Sonntag nun gehörte Küng wie auch der Aargauer Silvan Dillier zu jenem Sextett, das in Richmond für das BMC Racing Team den WM-Titel im Teamzeitfahren gewann. Dass er im Einzelzeitfahren – als mit Abstand jüngster Teilnehmer – als 19. unter seinen Erwartungen zurückblieb, ist angesichts der langen Rehabilitationsphase im Sommer kein Beinbruch. Entsprechend buchte Küng das Rennen als gute Erfahrung ab: «Ich nehme viel mit von diesem Tag.»

Für die Konkurrenz muss dies fast schon wie eine Drohung klingen – im Wissen darum, wie schnell Küng lernt. Bereits ganz oben angekommen ist der Thurgauer auf der Bahn. Dort wird er Mitte Oktober auch seinen nächsten grossen Auftritt haben: An den Europameisterschaften in Grenchen tritt er nicht nur als Topfavorit in der Einzelverfolgung an, sondern auch als Lokomotive des Vierers, der sich die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio zum Ziel gesetzt hat. Und dann verfolgt der Jungprofi nächste Saison auch seinen Weg auf der Strasse weiter. Nicht als neuer Cancellara, sondern als Stefan Küng.