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Fussball ist unser Leben - eine wunderbare Arena für Spektakel und Tragödien

Kein Ereignis elektrisiert die Welt so sehr wie die Fussball-WM. Schon jetzt fiebern Millionen dem Startspiel in Moskau entgegen. Der Grund: Der Fussball kreiert Helden, er bringt Generationen zusammen und liefert Stoff für grosse Erzählungen.
Jürg Ackermann

Eigentlich ist es paradox. Da werden reihenweise Fussballfunktionäre verhaftet. Da geht es um Korruption, Macht, Intrigen und immer mehr Geld. Da befindet sich der Weltfussballverband Fifa, der die WM-Endrunde ausrichtet, noch immer in der Krise. Und trotzdem werden in zwei Wochen Milliarden von Zuschauern gebannt nach Moskau schauen, wenn Saudi-Arabien und Russland die WM eröffnen oder drei Tage später die kleine Schweiz dem grossen Brasilien ein Bein stellen will. Wenn der Ball rollt, sind alle negativen Schlagzeilen vergessen.

Verdummt der Fussball die Massen?

Kein Sport ist weltweit so beliebt, hat eine derart elektrisierende Kraft – mittlerweile auch in Milieus, die zuvor nur die Nase rümpften, wenn irgendwo ein Ball gekickt wurde. Die selbsternannten Gralshüter der Kultur stellten lange Zeit alles, was wie der Fussball nach Unterhaltung und Masse tönt, unter den Generalverdacht der Verdummung. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Selbst Philosophen sprechen zuweilen von «Wunder vollbringen» oder nach «dem Göttlichen greifen», wenn ein Stürmer ein eigentlich unmögliches Tor mit dem Absatz oder per Fallrückzieher erzielt.

Jürg Ackermann

Jürg Ackermann

Der Fussball wird auch hier mittlerweile als das begriffen, was er neben dem sportlichen Kern eben auch ist: ein Spiegel der Gesellschaft, ein Spiegel des Lebens, eine wunderbare Arena für Spektakel, Dramen und Tragödien. So wie am letzten Samstag, als der bedauernswerte Liverpool-Torhüter Loris Karius nach zwei haltbaren Gegentoren im Champions-League-Final am liebsten im Boden versunken wäre. Und Real-Madrid-Stürmer Gareth Bale sich im Himmel wähnte nach seinem spektakulären Treffer zum 2:1.

Erwartungen einer ganzen Nation auf den Schultern

Ein klar begrenztes Feld, ein unwiderrufliches Resultat, simple Regeln, Sieger und Verlierer. So viele Emotionen in so dichter Form gibt es ausserhalb des Fussballplatzes kaum. Da spielt es keine Rolle, dass viele Protagonisten – auch solche des Schweizer Nationalteams – mittlerweile absurde Millionengehälter verdienen. Da spielt es eben auch keine Rolle, dass die Organisation, die die Schirmherrschaft über die Endrunde ausübt, ein derart schlechtes Image hat. Der Fussball bringt Generationen zusammen, er liefert Stoff für grosse Erzählungen, er kreiert Helden, wie es sie im unüberblickbar gewordenen Alltagsleben kaum mehr gibt.

Alle wollen Messi, Ronaldo oder Neymar sein, allesamt Zauberer mit dem Ball. Und das nicht nur auf den Pausenplätzen in Bütschwil oder Affeltrangen, sondern auch in Schanghai oder Mumbai. Und selbst als die düsteren Gotteskrieger des «Islamischen Staates» noch weite Gebiete von Irak und Syrien unter Kontrolle hatten, drangen Bilder mit Kindern nach aussen, die Fussballleibchen von Messi oder Ronaldo trugen. Die westliche Kultur war für sie zwar Abschaum, aber gegen die Sogkraft des Fussballs waren die ­Islamisten meist machtlos.

Das alles ist kein Zufall. Die gesellschaftlichen Entwicklungen spielen dem Fussball in die Hände. Von der Globalisierung profitiert er gleich doppelt. Zum einen ist er zu einem wichtigen Element einer weltumspannenden Entertainmentindustrie geworden, die Idole, Stilikonen und Vorbilder produziert und damit immer mehr Geld umsetzt. Zum anderen profitiert er – gerade während WM-Endrunden – davon, dass sich viele Menschen im Zeitalter offener Grenzen und Handelsströme eben auch nach Heimat und überblickbaren Räumen sehnen. Dabei feiern Nationalstaaten als Bezugspunkte kollektiver Identitäten Renaissance. Selten fühlen sich so viele so stark als Schweizer, Senegalesen oder Südkoreaner, wie wenn ihre jeweiligen Fussballnationalmannschaften zu einem wichtigen Spiel auflaufen. Die elf Fussballer werden dann zu Symbolen für ihr Land – mit der entsprechend hohen Erwartungslast auf ihren Schultern. Ist die Mannschaft erfolgreich, wird ein Wirgefühl entbrennen, wie es in unserer fragmentierten Gesellschaft mit ihren immer individualistischer werdenden Lebensstilen sonst kaum mehr vorkommt.

Der Siegesrausch der argentinischen Militärs

Weil er so beliebt und so anschlussfähig für allerlei Interpretationen und Projektionen ist, wird der Fussball auch gerne umgarnt und zweckentfremdet. So wird Präsident Wladimir Putin in den nächsten Wochen mit Hilfe der WM versuchen, seinen Ruf als Autokrat loszuwerden und in einem guten Licht zu erscheinen. Doch wirklich erfolgreich wird er damit kaum sein. Politiker können vielleicht kurzzeitig ihr Image verbessern, wenn sie sich mit erfolgreichen Sportlern sonnen, doch nachhaltig ist das selten.

Die meisten, die den Fussball für ihre Zwecke zu instrumentalisieren versuchten, scheiterten auf jeden Fall kläglich. Am krachendsten die argentinische Militärjunta, die im Siegesrausch nach dem WM-Triumph 1978 im eigenen Land glaubte, vier Jahre später auch den Falklandkrieg gegen Grossbritannien gewinnen zu können. Sie täuschte sich gewaltig. Um das verkrampfte Verhältnis zum Westen aufzulockern, braucht es auch für Russland weit mehr als eine erfolgreiche Durchführung der WM-Endrunde.

Das Schreckliche und Bewegende am Fussball

Vermeintliches Ungemach lauert nicht nur von politischer Seite. So droht die rasante Kommerzialisierung des Sports viele Anhänger zu verärgern. Sie wollen Fussball sehen und nicht ständig von Werbung berieselt werden. Und natürlich droht eine Übersättigung, weil fast kein Tag mehr vergeht, an dem nicht irgendwo ein Livespiel im Fernsehen gezeigt wird. Und es steht auch eine Verwässerung des Niveaus im Raum, wenn ab 2026 an der WM-Endrunde 48 Mannschaften auflaufen sollen.

Der Faszination wird das aber kaum Abbruch tun, weil das Spiel eine zu grosse Strahlkraft besitzt, weil die Geschichten, die der Fussball schreibt, zu gut sind. Der Portugiese Artur Jorge, der 1996 für kurze Zeit die Schweizer Nati trainierte und nebenbei Gedichtbände publizierte, formulierte es einmal so: «Das ist das Schreckliche, das Unerträgliche am Fussball, aber auch das, was die Zuschauer bewegt: die Unmöglichkeit vorauszusehen, was in der nächsten Minute geschieht. Das hängt von den Göttern ab. Und von denen weiss man nicht, wie viele es sind und wo sie stecken.»

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