Tourismusland Schweiz
Wie ein Deutscher Musikkritiker das Corona-Halbjahr in der Schweiz genoss

In die Schweiz der Kunst und Freiheit wegen? Durchaus! Unser Autor erlebte vom Tessin bis nach St. Gallen viele grossartige Aufführungen, residierte günstig in Luxushotels und sah tolle Ausstellungen. Impressionen aus der jüngeren Corona-Vergangenheit.

Jörn Florian Fuchs
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In Solothurn gab es Leoš Janáčeks blutige Oper «Šárka» zu sehen.

In Solothurn gab es Leoš Janáčeks blutige Oper «Šárka» zu sehen.

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Irgendwann während des ersten Lockdowns reifte die Entscheidung. Wenn das in Deutschland so weitergeht, geht es ab in die Schweiz. Als Kulturjournalist kann man auch dort arbeiten, vor allem, wenn 90 Prozent der zu besprechenden Aufführungen ohnehin nur digital stattfinden. Kurz gefasst: es ging so weiter und aus der ursprünglich geplanten einen Schweizreise wurden drei.

Während sich Deutschland rund um Silvester in einen ausgiebigen Dämmerschlaf zurückzog, floh der Journalist zunächst auf die Rigi. Und erlebte eine gehörige Portion Eigensinn: «Ja, es gibt zwar ein fieses Virus, aber wir Schweizer probieren es mit möglichst wenigen Einschränkungen». Vom pandemischen Geschehen ist in den Bergen nichts zu spüren, ausser einigen seltsamen Regelungen.

Im formidablen Kräuterhotel Edelweiss auf Rigi Staffelhöhe gibt es feine Gourmet-Menüs nur für Hotelgäste, ein vorbeiwandernder Gast möchte das WC benutzen, darf das Haus jedoch nicht betreten. Vorschrift. Bei Verstoss drohen immense Bussen. Direkt neben dem Hotel kann man ausgedehnt Ski fahren - es ist der schneereichste Winter seit Jahren - und überquert dabei immer wieder die Grenzen der Kantone Schwyz und Luzern. Woran man dies merkt? Im einen Kanton laufen die Lifte, dafür gibt es auch auf dringliche Nachfragen und freundlichste Bitten keinen Kafi Träsch. Im anderen Kanton fliesst mühelos und munter Hochprozentiges, allerdings ist vor der Ski-Abfahrt Fussarbeit angesagt, denn alle Lifte stehen still.

Im Kräuterhotel Edelweiss halten sich alle penibel an die Vorschriften - Abstand, Maskenpflicht während des Ganges zum oder vom Tisch sowie zum oder vom WC - dennoch lässt es sich erstaunlich gut feiern. Und das grosse Mitternachtsfeuer zu Neujahr auf der Terrasse (keine Maskenpflicht!) brennt heuer wohl vor allem zum Vertreiben böser (pandemischer) Geister.

Mischung aus Wohnstube, Bar und Konzertsaal: Waldhaus Sils (Archivbild).

Mischung aus Wohnstube, Bar und Konzertsaal: Waldhaus Sils (Archivbild).

Gaetan Bally / KEYSTONE

Aber wie sieht es im Engadin aus? Wie geht etwa das berühmte Waldhaus in Sils-Maria mit den Beschränkungen um? So, dass einem kaum Einschränkungen auffallen. Das Fünf-Sterne-Etablissement investierte in ein ausgeklügeltes Schutzkonzept, fünfmal täglich wird die grosse Halle (eigentlich handelt es sich um eine Mischung aus Wohnstube, Bar und Konzertsaal) gelüftet, auf die Minute genau ist das berechnet.

Auch einige Luftreinigungsgeräte sind in exakten Abständen positioniert und surren leise vor sich hin. Tische und Sessel sind luftiger als sonst angeordnet, es finden sogar Vorträge statt und - ein vielleicht europaweites Unikum Anfang Januar - mehrere Live-Konzerte am Tag. Angeführt vom tollen Pianisten Peter Gulas sorgt ein Trio für Lounge- oder auch Tanzmusik, allein, das Tanzbein zu schwingen ist untersagt, das jedoch nehmen wir genau so locker hin wie die Sperrstunde um 23 Uhr.

Zumal tags darauf das Fextal lockt, mit exquisiten Schneeverhältnissen und gastronomischen Preziosen wie Fleischkäse von heimischen (!) Yak, alles to go, versteht sich. Doch dann ist plötzlich alles anders. Corona-Alarm im nahen St. Moritz! Das Waldhaus bittet um freiwilliges Testen, doch steht die Abreise ohnehin bevor. Wieder in Deutschland lesen wir über die Dramen, die dann doch keine sind. Einige Hotel-Angestellte in St. Moritz werden positiv getestet, sie dürfen, ja sollen allerdings bald an die frische Luft. Für ihr Immunsystem ist es sicher besser, Sonne und Bergluft zu tanken, statt zwei Wochen auf dem Zimmer weggesperrt zu sein...

Fleischkäse von heimischen (!) Yak gabs im Fextal.

Fleischkäse von heimischen (!) Yak gabs im Fextal.

Trotz einer Zeitlang deutlich höherer Fallzahlen als in Deutschland bleibt die Schweiz eher entspannt, die Diskussionen um schärfere Massnahmen, Intensivbetten-Belegung und Quarantäneregeln sind dabei ähnlich, nur die Schlussfolgerungen halt andere. Was sicher einer Vielzahl von Hotels, Fachgeschäften, auch Restaurants die Existenz gerettet hat.

Der Februar zieht vorüber, dann der März. Als klar wird, dass es in Deutschland auf absehbare Zeit keine kulturellen Veranstaltungen vor Publikum geben wird, wagen wir den Blick nach Helvetien und sind erstaunt, was ab Ende April alles möglich ist. Das Theater Basel öffnet seine Pforten und spielt «Intermezzo» von Richard Strauss, ein selten aufgeführtes Konversationsstück mit vielen Insider-Witzen (Strauss schrieb sich selbst hinein, als Kapellmeister Storch).

Der immer gern überdreht inszenierende Herbert Fritsch zeigt eine nette Show, die noch nicht ganz so zündet, vermutlich lag die Produktion einige Zeit auf Halde. Dafür feiert Basels Ballettdirektor Richard Wherlock zwanzigjähriges Jubiläum, sieben Stücke auf drei Bühnen vor fünfzig Zuschauern, die letzte Zahl wird leider länger wichtig bleiben. Überall gibt es frische, oft auch freche Ware.

Intermezzo in der Regie von Herbert Fritsch am Theater Basel

Intermezzo in der Regie von Herbert Fritsch am Theater Basel

Zvg / bz Zeitung für die Region

Der Berliner Schauspielstar Max Hopp zeigt im kleinen Luzerner Theater Mozarts «Così fan tutte» als ebenso witzigen wie psychologisch genauen Liebesreigen. In Solothurn bringt Dieter Kaegi Leoš Janáčeks erste, recht blutige Oper «Šárka» grimmig grell auf die Bühne, während St. Gallen mit einer fulminanten Rarität aufwartet: «Florencia en el Amazonas» von Daniel Catán; magischer Realismus in der Musik und auf der Bühne, eigentlich ganz gut passend zu den gerade waltenden, mal eher weissmagischen, dann wieder dunkelmagischen Zuständen und Situationen.

Denn Corona sorgt nach wie vor für einen Stresstest. Hilfreich sind da Gegengifte wie der Kunstzauberer Olafur Eliasson, der die halbe Fondation Beyeler (in Riehen bei Basel) mit grüner Flüssigkeit und Seerosen flutet, die «echten» von Monet mussten dafür weichen!

Kunstzauber à la Olafur Eliasson in der Fondation Beyeler.

Kunstzauber à la Olafur Eliasson in der Fondation Beyeler.

Georgios Kefalas / EPA

Im Tessin wird unterdessen der völlig vergessene Künstler Luigi Pericle entdeckt, im Luganer Museum MASI begegnen einem mal wilde, mal milde Bilder mit manchmal abstrakten, manchmal metaphysischen Motiven, jedoch ganz frei von New-Age-Ideologie. Jahrzehntelang schuf Pericle am Fusse des Monte Verità ein ausuferndes, überwältigendes Werk. Eigentlich hiess er Luigi Pericle Giovannetti. 1916 in Basel geboren, brach er ein Kunststudium ab, verdingte sich als Illustrator, verdiente viel Geld als Comiczeichner und zog um 1950 nach Ascona.

Ein paar Jahre später wird er zum Bilderstürmer in eigener Sache, vernichtet grosse Teile seines Frühwerks und beginnt eine kurze, aber sehr fruchtbare Karriere im 'seriösen' Kunstbetrieb, der ihn vor allem nach England, aber auch zur Fondation Beyeler führt. Dass die unbekannten Werke des vergessenen Künstlers nun ans Licht kommen, ist vor allem dem Engagement von Andrea und Greta Biasca-Caroni zu verdanken.

Sie besitzen ein Hotel neben dem Haus des 2001 gestorbenen Künstlers. Dritte im Bunde ist die Kuratorin und Leiterin des Museums Villa dei Cedri in Bellinzona, Carole Haensler. Ein Welt(klasse)künstler wird da gerade neu und erstmals richtig entdeckt!

Und wie stand und steht es um die Schweizer Lebenskunst in der Pandemie?

In Basel oder Bern oder St. Gallen und auf der Rigi sowie im Engadin fühlte man sich sehr wohl, der Umgang mit Corona wirkte eher lässig, aber nicht unvorsichtig. Man hielt sich weitgehend an die Regeln, mit Augenmass, Verstand und Gefühl. Anders in Zürich: Menschenmassen tummelten sich da an einem warmen Abend Ende April. Rücksichtslos, mit wenig Abstand, teilweise aggressiv taumelten manche über den Sechseläutenplatz, buchstäblich bis die Polizei kam. Nach diesem Schock flohen wir noch kurz zu Bruder Klaus ins Flüeli-Ranft und liessen uns von seinem Eremiten-Dasein inspirieren. Einige eher ängstliche Eremiten fanden sich übrigens am Luganersee.

Die Kapelle in Flüeli-Ranft.

Die Kapelle in Flüeli-Ranft.

Kristina Gysi (nz) / Obwaldner Zeitung

Dort herrschte regelrecht Maskenhysterie, selbst an einem völlig verregneten Tag sah man einzelne, einsame Menschen mit Schirm - und Maske - spazieren gehen. Nur auf der Schweizer Seite, ein paar Schiffsminuten Richtung Italien (Maskenpflicht auch draussen auf dem Oberdeck!) wurde die Entspannung vielleicht doch ein bisschen zu sehr gepflegt. Mit Maske wirkte man da fast wie ein Fremdkörper aus fremden Landen.

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