Kommentar zum Gurlitt-Erbe

Schweiz profitiert, doch mulmiges Gefühl bleibt

Ist die Vereinbarung zwischen Bern, Deutschland und Bayern ein Befreiungsschlag? Nein. Sie ist das Resultat eines Abwägens, einer Suche nach einem Weg aus der Sackgasse.

Sabine Altorfer
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Das Kunstmuseum Bern nimmt das Erbe von Cornelius Gurlitt an.

Das Kunstmuseum Bern nimmt das Erbe von Cornelius Gurlitt an.

Keystone

Es ist ein hoffentlich gangbarer Weg für Bern wie Deutschland und ein Weg, um das Unrecht an den Beraubten wenigstens materiell zu begleichen. Gern gegangen ist Bern diesen Weg nicht, hat man den Eindruck. Wären die ersten Gespräche mit Staatsministerin Monika Grütters nicht so konstruktiv verlaufen, hätte man die Sache fallen lassen, sagte Stiftungsrat Christoph Schäublin.

Das Wort, das man bei der Unterzeichnung in Berlin am meisten hörte, war Verantwortung. Verantwortung gegenüber der dunklen Vergangenheit und Verantwortung gegenüber den Menschen, denen Leid angetan und Kunst geraubt wurde. Verantwortung auch, alles möglichst lückenlos zu klären.

Ein Wort, das in den Reden fehlte, war Angst. Aber in der Vereinbarung ist Vorsicht zwischen allen Zeilen präsent. Vieles bleibt vage. Man spürt Angst in Bern: Kein inkriminiertes Werk darf deshalb über die Schwelle des Kunstmuseums kommen. Angst in Deutschland: Man könnte moralisch vor der Vergangenheit und der Welt versagen.

Bern ist für Deutschland aber ein verlässlicher Partner, verlässlicher wohl als die zerstrittene Familie. Deshalb das Werben, deshalb auch der Deal: Die sauberen Bilder kommen nach Bern. Was unter Raubkunstverdacht steht, bleibt in Deutschland, wird dort geklärt und restituiert. Die Kosten zahlt Deutschland. Die Schweiz profitiert. Wieder. Ein Grund mehr für ein mulmiges Gefühl.