Kommentar

Es reicht nicht die Natur zu schützen – wir müssen sie verteidigen

Die Städte und Agglomerationen im Flachland haben beim Jagdgesetz obsiegt. Auf dem Land und in den Bergen ist man frustriert. Doch wieso sollten sich Städter bei diesem Thema zurückhalten?

Christoph Bopp
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Christoph Bopp.

Christoph Bopp.

Bild: Sandra Ardizzone

Grosser Frust auf dem Land und in den Berg­gebieten nach der Abstimmung vom Sonntag. Die Städter haben dem neuen Jagdgesetz die Anerkennung verweigert. Die Leute, die nicht mit dem Wolf leben müssen, haben leicht reden, dass auch der Wolf sein Lebens- und Daseinsrecht hierzulande habe. Was wissen die schon von der Natur in der Stadt? Kaum etwas, das über ihre Geranienkistli hinaus geht.

Hat das Abstimmungsergebnis eine Minderheit missachtet? Und dazu noch eine, die eine grössere Nähe und damit auch mehr Kompetenz im Themenbereich geltend machen kann? Die Leute auf dem Land und in den Bergen, sie leben in engerer Fühlung mit der Natur als die Städter in ihren Winkeln und vier Wänden, welche Natur nur als romantische Kulisse ihrer Wochenendausflüge kennen. Aber die Natur ist etwas anderes als ihre romantische Verklärung. Natur ist Herausforderung für den Menschen. In der Natur muss sich der Mensch gegenüber der Natur behaupten und ihr das, was er zum Leben braucht, abtrotzen. Da ist nicht Alpenglühn, sondern Sturm und Hagelschlag. Und der Wolf eben nicht ein Tier aus dem Märchen, sondern ein in Rudeln lebendes Raubtier, das dem Menschen schadet, indem es ihm die Nutztiere raubt.

Zivilisation heisst, dass der Mensch die Natur beherrscht, so gut das geht

Das ist das vertraute Bild, das man sich macht vom Verhältnis des Menschen zur Natur. Die Natur ist im besten Fall «Um-Welt», meist aber Objekt, und am Ziel, dass man sie – so gut es nur immer geht – beherrschen muss, lässt sich nicht rütteln. Die Natur ist immer stärker als der Mensch und er muss sich ihr gegenüber behaupten. Wissenschaft und Technik dienen diesem Zweck. Und haben das immer schon getan.

In der Vorwoche hat die Klimajugend ihre Zelte auf dem Bundesplatz aufgestellt und die Schweiz hat engagiert über Rechtsbruch und Legitimität im Klimadiskurs diskutiert. Es gäbe andere Möglichkeiten, besonders in der Demokratie.

Das mag sein. Aber grüne Wahlerfolge hin oder her, von ökologischer Politik ist dennoch nicht viel zu sehen. Denn es geht nicht darum, eine abstrakt verstandene Natur zu schützen, indem man ihr Rückzugzonen zuweist, wo man verspricht, sie in Ruhe zu lassen. Oder das andere Ende: die Kritik am übertriebenen Alarmismus. Es geht nicht um das Überleben des Planeten oder die Rettung der Welt. Sondern es geht darum, wie wir überleben können. Die meisten Bürger westlicher Wohlstandszonen sind immer noch der Auffassung, diese paar zusätzlichen Grade Celsius stecke man locker weg. Kein Grund, alles in Frage zu stellen. Vielleicht die Lebensweise etwas anpassen. Aber auf unseren Wohlstand verzichten? Warum denn?

Ökologie – richtig gedacht – ist nichts ­anderes als voll durchdachte Technologie

Wir müssen umdenken. Die Natur ist nicht unser Schutzobjekt. Sondern sie ist ein Player, mit dem wir uns besser gut stellen. Insofern haben die Städter vielleicht das Problem doch ein bisschen besser verstanden als die Leute vom Land und den Bergen, die immer noch das Gefühl haben, sich gegen die Natur verteidigen zu müssen. Die Perspektive der Beherrschung und Kontrolle der Natur sollten wir aufgeben und uns besser darum kümmern, wie wir allenfalls besser mit ihr auskommen. Und nicht zu vergessen: Natürlich sind wir selbst auch Natur. Wir müssen uns nicht gegen sie, sondern die Natur selbst verteidigen.

Wie das gehen soll, ist immer noch weitgehend unverstanden. Wir sprechen von «ökologischen Systemen» und vielleicht ist dieser technologische Weg ja auch nicht falsch, sondern unsere einzige Hoffnung, noch aus einer verfahrenen Situation herauszukommen. Denn der andere denkbare Weg, den der Selbstbeschränkung, ist demokratisch kaum gangbar. Wir müssen ja nicht nur unseren Naturverbrauch und Fussabdruck unter «eine Erde» bringen, sondern auch die Rechte der Menschen, die auf gleiches Recht pochen, achten.

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