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Kommentar

Rekorde im Marathon: Die Grenzen des Optimierens

Die Marathon-Rekorde werfen nicht nur sportliche, sondern auch philosophische Fragen auf – eine Analyse.
Christoph Bopp

Eliud Kipchoge lief als erster Mensch in Wien einen Marathon unter zwei Stunden, und Brigid Kosgei brach in Chicago den Marathon-Weltrekord der Frauen. Nach diesem rekordträchtigen Wochenende stellt sich – wieder einmal – die Frage: Wo liegen eigentlich die Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit?

Wenn es an den Rekorden liegt, gibt es keine Grenzen, denn Rekorden ist eigen, dass sie immer gebrochen werden können. Wenigstens theoretisch. (Ausser einem: Der DDR-Athlet Uwe Hohn warf den Speer am 20. Juli 1984 auf 104,80 Meter. Darauf führte man ein neues Sportgerät ein.) Wenn es an den Grenzen liegt, handelt es sich um ein Optimierungsproblem.

Irgendwo gibt es ein Optimum, das bei einer biologischen Maschine wie dem Menschen wahrscheinlich im Verhältnis zwischen Energie und Gewicht und einem Minimum an Reibungswiderstand liegen wird. Die Hilfsmittel, die Kipchoge benützte – das Auto, das ihm jederzeit signalisierte, ob er auf Kurs war oder nicht, und die Pacemaker, die ihn in den Windschatten nahmen – schienen eher dafür geeignet, mentalen Problemen entgegenzuwirken.

Verschieben Extremsportler und Extrembergsteiger die biologischen Grenzen unserer Spezies durch blosse Willenskraft? Oder tasten sie sich an dieses physikalisch-physiologische Optimum heran? Die

Grenzen, die gesetzt sind: «Von Natur aus» sind sowieso nicht alle gleich

Die Antwort auf diese Frage wird wieder verschwommener, wenn man daran denkt, was alles im Bereich Optimierung/Erweiterung unternommen wird. Im Sport nennt man es Doping. Und es ist verboten, weil es dem Wettkampfgedanken der natürlichen Chancengleichheit zuwider läuft. Dort ist bald der Wettlauf zwischen Dopingsündern und Dopingbekämpfern spannender als der Wettkampf der mehr oder weniger gedopten Athleten.

Und die Chancengleichheit wird bald ad absurdum geführt werden, weil die Eingriffsmöglichkeiten auf der Gen-Ebene immer wahrscheinlicher werden. Der finnische Langläufer Eero Mäntyranta war ein Held der 1960er-Jahre. Später stellte sich heraus, dass er eine Mutation hatte, welche die Produktion seiner roten Blutkörperchen ankurbelte, sodass sein Blut mehr Sauerstoff in die Muskeln transportieren konnte. Also genau das, was Rad- und andere Ausdauersportler später künstlich nachahmen sollten.

Was hat es mit dem Gerede von den «Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit» eigentlich auf sich? Immer neue Rekorde von immer neuen Ausnahmeathleten, die das sind, weil sie so sind oder weil sie dazu gemacht wurden? Wenn man an die Leistungsfähigkeit des menschlichen Körpers denkt, ist es wahrscheinlich schon bald nur noch eine Aufgabe für die Molekularbiologie.

Und dann fängt es erst an mit der Diskussion, was denn eigentlich die Definition des Menschen sei. Vielleicht führt man dann einen Wettbewerb der Molekularbiologen ein, bei dem es darum geht, einen Körper so zu normieren, dass er genau eine normierte Leistung liefert. So im Sinne von: Wer modelliert den 10,000-Sekunden-100-Meter-Mann am besten?

Ähnlich zirkelhaft wird es, wenn man über das Denken redet. Was liegt da noch drin? Die Frage macht nur Sinn, wenn man den Menschen mit Maschinen vergleicht. Kann man tiefer denken als Platon? Anders sicher, aber tiefer?

Eine Maschine muss bessere Entscheidungen liefern als ein Gehirn

Computer spielen besser Schach und Go als die menschlichen Weltmeister. Sie können das, weil ihre Verarbeitungskapazitäten die menschlicher Gehirne übersteigen. Und so wird man auch anerkennen müssen, dass Computer leistungsfähiger sind als menschliche Gehirne, wenn das Problem, das sie lösen sollen, hinlänglich bekannt ist.

In Science-Fiction-Erzählungen und -Filmen sind Menschen oft unterwegs in fernen Gefilden des Universums, wo sie ohne Supercomputer, welche die relevanten Informationen einfach schneller zur Hand haben als Menschen, völlig verloren wären. Es ist ja nicht All-Wissenheit, welche die Maschinen auszeichnet (auch wenn eine von ihnen bei Stanislaw Lem «GOD» = General Operational Device heisst; die Raumschiffe haben auch mehrere davon).

Sondern Expertenwissen, das für die Beantwortung einer bestimmten Frage notwendig ist. Oft geben die Maschinen zur Antwort: «Zu wenig Information.»

christoph.bopp@chmedia.ch

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