Kommentar

Reissen wir uns zusammen: Wie Corona an unseren Nerven zerrt

Was ist aus der Solidarität geworden? Zum bröckelnden Zusammenhalt in der Pandemie.

Odilia Hiller
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Odilia Hiller

Odilia Hiller

Bild: Michel Canonica

Wahrscheinlich sind es für viele die seltsamsten Sommerferien, seit sie denken können. Das Gefühl, sich irgendwo zwischen Stuhl und Bank zu befinden, ist allgegenwärtig.

Die erste Coronawelle ist vorbei. Die zweite winkt. Wir dürfen zwar verreisen. Aber nicht, wohin wir wollen.

Wir müssen zwar nicht überall Maske tragen. Aber manchmal.

Wir sollen das Leben geniessen, heisst es. Aber bitte mit Vorsicht und ja nicht zu ausgelassen.

Das gemeinsame Durchhalten hatte in den Anfängen des Shutdown schöne, eindrückliche Seiten. Weitherum war Solidarität zu spüren. Erstaunlich diszipliniert nahmen wir uns für den Schutz der Älteren und Schwächeren kollektiv zurück, hielten uns an Schutzmassnahmen und Einschränkungen.

Mittlerweile ist jedem klar, dass Corona uns noch lange begleiten wird. Und uns dauerhaft Freiheiten nimmt, die wir für selbstverständlich hielten. Das zerrt an den Nerven.

Gelassenheit kann man nicht verschreiben

Gelassenheit, Hoffnung und das Vertrauen, dass irgendwie alles kommt, wie es muss, kann man als Staat weder verschreiben noch verkaufen. Das merken auch Politik und Behörden.

Sie müssen sich eingestehen, dass die Geduld vieler Bürgerinnen und Bürger endlich ist. Und dass Ignoranz, der Feind jeder aufklärerischen Massnahme, sich nicht mit freundlichen Medienkonferenzen aus der Welt schaffen lässt.

«Bschiisse» wirkt plötzlich für viele verlockend

Image und Durchschlagskraft der Corona-App sind wacklig. «Bschiisse» übt auf ganze Bevölkerungsteile einen neuen Reiz aus.

Die Aussicht auf Maskenpflicht verursacht bei vielen Atemnot.

Die Solidaritätswelle weicht schleichend einem neuen, sehr unsympathischen Egoismus.

Denunzieren boomt, mit dem Finger auf andere zeigen auch. Die Frage, ob man eine Coronainfektion oder den Besuch in einem Risikoland vorschriftsgemäss meldet, scheint für zu viele nicht eindeutig zu beantworten zu sein.

Und im Zweifelsfall richtet man seinen Zorn gerne auf die Überbringer der schlechten Nachrichten. Frei nach Donald Trump.

Das ist menschlich, aber auch sehr kindisch. Wie viel Reife, Durchhaltevermögen und Feingefühl für sich und andere die Schweizer noch vorrätig haben, werden die nächsten Monate zeigen. Reissen wir uns also zusammen. Ernsthaft.